Bootsausflug

Ein Frauenroman wie der Alltag einer Mutter: einfühlsam, voller Lebensfreude und Überraschungen. Der ganz normale Wahnsinn eben.

 

Amanda ist Mutter! Mit hundertprozentigem Einsatz. Schließlich muss sie ihren beiden Söhnen seit der Scheidung auch den Vater ersetzen. Das klappt nach einem Umzug in ihre alte Heimatstadt Nürnberg und mit Unterstützung der Oma besser, als sie es erwartet hatte. Eigentlich läuft alles prima.

Mit den Träumen und Plänen ihrer Jugend hat ihr Leben aber wenig zu tun. 

Das Auftauchen eines ehemaligen Schulfreundes lässt vergessene Wünsche wieder aufleben. Die Hoffnung auf eine neue Liebe keimt ebenfalls.

 

Ein Roman über die Fragen im Leben vieler Frauen: Was will ich in Zukunft erreichen? Was tue ich ausschließlich für mich selbst? Wer bin ich eigentlich?

Fotos zum Bootsausflug

Leseprobe

Date mit Alex oder Florian? 

Amanda zuckte zusammen, als ihr Handy summte. Beinahe hätte sie etwas von dem hervorragenden Rotwein verschüttet, obwohl die SMS nicht unerwartet kam. Schließlich saß sie schon eine Viertelstunde alleine am eingedeckten Tisch und der italienische Kellner warf ihr mitleidige Blicke zu. Es war ja wohl das Mindeste, sich zu melden, wenn man jemanden versetzte.

Seufzend entsperrte sie ihr Telefon und las die Nachricht.

Komme eine halbe Stunde später. Sorry! Alex

Na toll! Amanda hasste es, irgendwo wie bestellt zu sitzen. Weil sie anderen genau das ersparen wollte, kam sie immer überpünktlich. Nur um einmal mehr diejenige zu sein, die der Ober an einen Katzentisch setzte und alle fünf Minuten fragte, ob sie schon gewählt habe. Die ersten zwei Male hatte sie noch verneint und strahlend nachgeschoben, dass sie auf ihre Verabredung wartete. Dann hatte sie den Wein geordert. Einen Liter in der Karaffe - der Ober sollte gleich merken, dass es ihr ernst war. Sie würde hier nicht alleine essen!

Frustriert nahm sie noch einen Schluck. Eine halbe Stunde später! Bis dahin wäre sie angeheitert, so ohne etwas im Magen. Den Brotkorb sollte sie eigentlich mit Verachtung strafen: Weißmehl - pure Kohlenhydrate.

Deswegen passte italienisches Essen theoretisch ja so gut zu ihrem Gewissen: Fisch und gemischtes Gemüse als Beilage. Dazu Wein. Nichts, was sich zu sehr auf die Hüften legte. Die Praxis sah leider anders aus. Beim Blick in die Speisekarte blieben ihre Augen automatisch bei den Nudelgerichten oder den Pizzen hängen. Deftigem Essen konnte sie nicht widerstehen - und das sah man. Früher war sie stolz auf ihre weiblichen Kurven gewesen, doch seit der Geburt ihrer Kinder waren die zu weiblich.

Eigentlich wollte sie stark bleiben, aber der Brotkorb lachte sie an. Außerdem beschäftigte es ihre Finger. Sie griff sich die kleinste Scheibe und brach ein Stück ab. Es schmeckte wirklich gut. Vielleicht noch besser, wenn sie Olivenöl darüber träufelte? Mist, das war daneben gegangen. Verschämt legte sie die Stoffserviette auf den Ölfleck.

»Haben Sie einen Wunsch?«

Schon wieder der Kellner. Hatte der nichts anderes zu tun? Sie hob ihren Kopf und lächelte ihn freundlich an.

»Ein großes Glas Wasser bitte. Ich muss noch länger warten.«

»Sofort.«

Er trollte sich und Amanda nahm wieder das Spiel mit dem Baguette auf. Möglichst kleine Bissen. Das mit dem Olivenöl verkniff sie sich. Nur nicht hochsehen, die mitleidigen Blicke der Anderen wollte sie lieber ausblenden. Freitagabend und sie ganz alleine hier. Das hätte sie sich vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können. Da hatten sich die Männer darum gerissen, mit ihr in die schicksten Gourmettempel zu gehen. Und nun gab sie die traurige Gestalt in diesem kleinen italienischen Restaurant ab. Wo blieb Alex bloß? Genervt warf sie einen Blick auf ihre Uhr. Die halbe Stunde war längst vergangen. Alex kam immer etwas zu spät. Was sie für pünktlich hielt, empfand Amanda als Verspätung von zehn Minuten. Als der zweite Stuhl an ihrem Tisch herausgeschoben wurde, blickte sie erfreut auf.

Das war nicht Alex! Auf den ersten Blick war das gar nicht so schlecht. Vor allem wenn man alleine hier saß. Der Mann, der sich ihr gegenüber langsam niederließ und sie dabei nicht aus den Augen ließ, war groß und schlank. Ungefähr in ihrem Alter, also knapp dreißig. Mittelblonde Haare, Drei-Tage-Bart. Ein helles Hemd, Jeans und graue Augen, die sie intensiv anstarrten. Irgendwie irritierend.

»Amanda, das gibt es ja nicht! Du hast dich gar nicht verändert.«

Doch, das hatte sie. Und sie wusste es. Aber das Schlimmste war, dass sie keine Ahnung hatte, wer dieser Mann war. Ihr war nicht nur der Name entfallen, außer einem leichten Gefühl des Déjà-vu versagte ihr Gedächtnis komplett den Dienst.

»Das ist ja eine Überraschung«, antwortete sie unbestimmt. »Wir haben uns ewig nicht gesehen.«

»Da hast du wohl recht.« Die Stimme war tief und freundlich. Die Suchfunktion ihres Gehirns konnte auch nach den ersten Worten keine Verbindungen herstellen.

»Wie lange ist das jetzt her?« Sie setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf. Zeit schinden und Informationen sammeln, darauf kam es an.

»Fast fünfzehn Jahre. Aber du bist noch immer die Alte.«

Puh, also jemand aus der Schulzeit. Das half nicht weiter.

»Tja, wie die Zeit vergeht.« Mensch, ein plumperer Spruch war ihr wohl nicht eingefallen. Egal, sie musste ihn zum Weiterreden animieren.

»Wohnst du wieder hier? Du wolltest doch unbedingt raus in die große weite Welt.«

Amanda nickte vage. »Ich bin ein bisschen rumgekommen. München, Berlin, New York. Schlussendlich bin ich wieder in Nürnberg gelandet.«

Er schien zufrieden mit der Antwort. Woher wusste er so viel über sie? Als Schülerin, da war ihr hier alles zu eng gewesen. Eigentlich wollte sie Model werden und die ganze Welt bereisen. Oder Schauspielerin. Dann einen reichen Mann heiraten und süße Kinder bekommen. Allerdings hatte sie diese Träume immer für sich behalten. Ein Klassenkamerad war das nicht, sie war in Gedanken schon alle durchgegangen. Vom Tennis kannte sie ihn auch nicht. Also, wer war er?

Der Ober erschien wieder auf der Bildfläche. »Darf ich nun die Bestellung aufnehmen?«

Verunsichert sah sie ihn an. Einerseits war sie glücklich, dass sie nun nicht mehr alleine hier saß. Andererseits konnte Alex jeden Moment auftauchen. Solange sie nicht einmal den Namen dieses Mannes kannte, war sie auf der Hut.

»Ich würde gerne ein Bier mit dir trinken, wenn du einverstanden bist.« Die grauen Augen fixierten sie.

Amanda nickte kaum sichtbar. Der Fremde bestellte sich ein dunkles Hefeweizen und der Ober verschwand geschäftig hinter dem Tresen.

»Du wartest bestimmt auf eine Verabredung. Nachdem der Mann wohl unpünktlich ist, kann ich die Gelegenheit doch nutzen und wir können ein bisschen über alte Zeiten reden. Oder ist dir das unangenehm?«

Amanda versuchte es mit einem Lächeln. Das half immer. Mehr erwarteten die meisten Männer nicht von ihr. Sie hatte gut auszusehen und zu lächeln. Und den Mund zu halten. Zuhören, wenn die Männer von ihren geschäftlichen Erfolgen sprachen. Bewundernd aufblicken und an den richtigen Stellen lachen. Wie konnte sie ihn dazu bringen, von sich zu erzählen?

»Und, was hast du so getrieben seit der Schulzeit?«

Er zuckte mit den Schultern. »Naja, das Übliche: Abitur, Studium, Arbeit. Wie das halt so läuft. Ich bin zufrieden. Aber ich hatte ja nie so hochfliegende Pläne wie du. Also, was machst du?«

Es war zum Verzweifeln. Er sagte ja nicht einmal, was er beruflich machte und wollte tatsächlich wissen, was sie trieb. Nur dass sie das auf keinen Fall mehr verraten konnte, nun, wo er ihre früheren Zukunftsträume erwähnt hatte.

»Naja, zuerst habe ich Hotelfachfrau gelernt. Guter Einstieg, ich habe in dem angesagtesten Luxushotel gearbeitet. Interessante Menschen kennengelernt, die Metropolen angesehen. Irgendwann wollte ich wieder zurück. Und du? Bist du die ganze Zeit über hier geblieben?«

Der Kellner brachte das Bier, das eine appetitliche Schaumkrone zierte. Amanda beobachtete, wie der gutaussehende Mann genussvoll einen Schluck nahm und sich anschließend mit der Hand den Schaum von der Oberlippe wischte.

»Ich bin beruflich oft unterwegs, aber meine Wohnung habe ich immer in Nürnberg gehabt. Mir gefällt es hier. Es ist meine Heimat.«

Ihr Telefon vibrierte und gab dabei einen summenden, leicht scheppernden Ton von sich. Amanda sah aufs Display. Noch einmal Alex. Nun ja, jetzt war sie schon eine Stunde überfällig.

Sorry, schaffe es nicht. Mara hat Bauchkrämpfe und erbricht. Ich muss ins Krankenhaus.

Amanda warf noch einen Blick auf den kurzen Text und fühlte das Mitleid in sich hochsteigen. Krankenhaus. Das war das Schlimmste mit kleinen Kindern. Ewige Wartezeiten. Das letzte Mal, als Paul furchtbare Ohrenschmerzen hatte, saß sie drei Stunden in der Notaufnahme. Ein brüllendes Kleinkind auf dem Schoß und ein immer unruhiger werdendes Baby auf dem Arm.

»Schlimme Nachrichten?«

Sein Ton war so interessiert und mitfühlend, dass Amanda schlucken musste, bevor sie antworten konnte. »Meine Verabredung kommt heute nicht mehr. Die vierjährige Tochter hat solche Bauchschmerzen, dass sie ins Krankenhaus muss.«

»Oh, das tut mir leid.«

Sie schüttelte den Kopf. »Kinder gehen vor, damit muss man immer rechnen.«

»Dann hast du heute Abend nichts anderes vor, oder? Würdest du mit mir essen?«

Amanda sah ihm ins Gesicht, diesmal ganz direkt. Die Augen kamen ihr bekannt vor. Sie hätte ihn gleich fragen sollen. Nun war es zu spät. Aber dieses Theater konnte sie keinesfalls einen ganzen Abend durchhalten. Andererseits war er wirklich eine angenehme Gesellschaft. Und der Gedanke, zu ihren Eltern zu fahren und ihre Kinder vorzeitig wieder abzuholen, missfiel ihr. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe.

»Na komm schon: Sag ja. Viel bessere Angebote kannst du heute Abend nicht mehr erwarten.« Sein Ton war bittend.

»Mir ist das nicht so recht«, antwortete sie ausweichend.

»Warum? Nur ein Essen unter alten Freunden. Ich geh’ dir bestimmt nicht auf den Wecker.«

Der Ober schielte schon wieder erwartungsvoll zu ihr herüber. Sein Gesicht sprach Bände: Entweder Essen bestellen oder den Tisch für andere freimachen. Nun gut. Sie könnte das Angebot einfach ablehnen. Oder sie sprach direkt aus, was ihr Problem war und dann würde sich zeigen, wie der Abend weiter verlief. Eigentlich hatte sie nichts zu verlieren. Nur ihren Stolz.

»Dann musst du mir vorher aber einen Gefallen tun.«

Sie lehnte sich über den Tisch und brachte ihr Dekolleté vorteilhaft in sein Gesichtsfeld. Sie war leider aus der Übung und kam sich dabei albern vor. Er schien es gar nicht zu bemerken. Amanda senkte ihren Blick und schob dafür ihren Busen weiter vor. Jede Ablenkung war ihr willkommen.

»Du musst mir verraten, wie du heißt und woher wir uns kennen«, sagte sie leise.

Als er nicht antwortete, schielte sie vorsichtig nach oben. So von unten durch die Wimpern, wie ein schüchternes Mädchen. Er sah ziemlich fassungslos aus und starrte sie wortlos an.

»Tut mir leid, ich kann mich nicht erinnern«, versuchte sie schnell das Ganze abzuschwächen. Männer waren schnell eingeschnappt, weil sie sich für wichtiger hielten, als alles andere auf der Welt.

»Wie lange haben wir uns jetzt schon unterhalten? Und du hattest keine Ahnung?«

»Naja, ich hab’ auf einen Tipp gewartet. Es war mir peinlich.« Sie senkte die Augen wieder.

»Peinlich muss dir das nicht sein. Es ist schließlich ewig her, und wenn ich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen habe, ist das wohl meine Schuld. Aber für dich muss das doch unangenehm gewesen sein?«

Ein Schluck Rotwein verschaffte ihr einen Moment, um ihren Gesichtsausdruck wieder unter Kontrolle zu bekommen.

»Ich bin Florian. Die Nachhilfe, als du in der Zehnten warst. Wir haben ein Jahr lang fast jeden Nachmittag zusammen gelernt. Bloß, dass es nicht viel geholfen hat.«

Flo! Natürlich! Warum war sie darauf nicht gekommen? Der kleine unscheinbare Junge aus der Parallelklasse, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, sie bis zum Abitur durchzuziehen. Der Einzige, den wirklich interessiert hatte, was sie zu sagen hatte. Der sie für intelligent gehalten hatte. Ihre Mutter hatte ihm Geld gegeben und seine Mühen fürstlich entlohnt. Amanda war es trotzdem peinlich gewesen, als sie das Gymnasium nach der mittleren Reife verließ. Sie hatte alles getan, um ihm aus dem Weg zu gehen, als dieser Entschluss feststand. Es tat ihr leid, ihn so zu enttäuschen. Zu jenem Zeitpunkt stand für sie fest, dass eine große Zukunft vor ihr lag und sie ihre Jahre nicht in der Schule verplempern sollte. Ihre Mutter hatte es für einen Fehler gehalten. Genau wie Flo. Jeder andere verstand sie irgendwie. Sie war zu Höherem bestimmt: Schauspielerin, Model, Sängerin. Irgendeine Berühmtheit eben. Nun, es war anders gekommen.

Jetzt saß er ihr gegenüber. Sie konnte sich an seine Vorträge über Strom und Spannung erinnern, seine perfekte französische Aussprache und an endlose Diskussionen über den Sinn des Lebens. Er war so etwas wie ihr bester Freund gewesen, ihm hatte sie alles erzählen können. Vielleicht auch, weil er der Einzige war, der nichts von ihr wollte. Er war klein, linkisch und unscheinbar gewesen. Er hatte nicht einmal versucht, bei ihr zu landen.

»Flo! Natürlich erinnere ich mich. Ich habe dich nur nicht wiedererkannt. Du hast dich enorm verändert.« Sie ließ ihren Blick über das schweifen, was oberhalb des Tisches von ihm zu sehen war. Er hatte wirklich keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Jungen von damals. Nur die Augen, die waren dieselben: intelligent, aufmerksam und irgendwie durchdringend.

Er zuckte mit den Schultern. »Das Größenwachstum und der Bartwuchs haben eben ein bisschen länger auf sich warten lassen, aber letztendlich bin auch ich erwachsen geworden.«

Sie lachte erleichtert auf. Er nahm es anscheinend gar nicht so übel. »Wie groß bist du jetzt?«

»Ein Meter zweiundneunzig. Groß genug für hohe Schuhe.«

Amanda grinste. »Das stimmt. So hohe Absätze gibt es gar nicht.« Irgendwann hatte sie ihn aufgezogen, dass sie nicht mit ihm tanzen würde, weil sie dann keine Absatzschuhe tragen könnte.

Sein Gesicht hatte sich verdunkelte. Ups, hatte er damals doch etwas von ihr gewollt und sie hatte es nur nicht gemerkt?

Bloß ein anderes Thema! Am besten eines, wo er gut wegkam. Loben und bewundern war immer gut. »Wegen dir habe ich später im Hotel mal Glühbirnen ausgetauscht. Der Vortrag über Strom war richtig gut.«

Er ging nicht darauf ein.

»Also, nachdem wir das geklärt haben: Darf ich dich zum Essen einladen?« Er nahm sich die Karte, als ob das nur eine rhetorische Frage gewesen war.

»Ich würde mich sehr freuen«, antwortete Amanda höflich. Wortlos reichte er ihr die Ledermappe und sie tat, als ob sie interessiert die verschiedenen Nudelgerichte studieren würde. In Wirklichkeit wusste sie längst, was sie wollte, aber es gab ihr Gelegenheit, sich zu sammeln.

Der Ober stand just in dem Moment neben ihr, als sie die Karte zusammenklappte. Auf diesen Moment hatte er schon den ganzen Abend gewartet.

Amanda bestellte die Garnelen-Spaghetti, die sie schon einmal hier gegessen hatte und die himmlisch schmeckten. Zum Teufel mit den Kohlenhydraten. Florian entschied sich für eine Schinken-Käse-Pizza. Amanda betrachtete ihn möglichst unauffällig über den Rand ihres Weinglases. Er hatte sich wirklich sehr verändert. Dabei war er damals auch kein Kind mehr gewesen. Doch dem Teenager hatte man den Mann, zu dem er herangewachsen war, nicht angesehen. Seltsam, auf Klassentreffen wurde man selten besonders überrascht. Irgendwie gab es meist einen roten Faden in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Irgendetwas, das man schon auf Kinderfotos erkannte: die Körperhaltung, das Lachen, die Mimik.

 Flo sah gar nicht mehr aus wie früher. Sie war immer davon ausgegangen, dass er seine mickrige Gestalt behalten würde. Schmalbrüstig und klein. Seine Stärke lag damals ganz sicher in seinem Wesen, auf seine körperlichen Reize hatte er sich nichts eingebildet. Nun saß ihr ein großgewachsener, breitschultriger Mann gegenüber. Mit gutgeschnittenen Zügen und vielen Haaren im Gesicht und auf dem Kopf. Er wirkte männlich, lässig und sehr selbstbewusst. Bei Frauen kam er sicher an. Das Einzige, was noch an den dünnen Bücherwurm erinnerte, waren diese grauen Augen, die unter buschigen Augenbrauen interessiert in die Welt blickten. Wenn sie das damals geahnt hätte, wäre sie sicher mit ihm tanzen gegangen. Aber warum der Chance hinterherweinen? Ihre Tage als Ballkönigin waren längst vorbei.

All ihre hochfliegenden Pläne hatten sich zerschlagen. Die Welt hatte nicht auf sie gewartet, so wie sie sich das ausgemalt hatte. Irgendwann war sie es leid gewesen, die Model-Agenturen abzuklappern und zu Castings für kleine Schauspielrollen zu hetzen. Niemand erkannte in ihr den kommenden Star. Von ganz unten wollte sie sich nicht hochdienen: Dümmliche Soap-Rollen oder Nacktbilder sollten - bitte schön - andere übernehmen. Die Lehre als Hotelfachfrau war so nicht vorgesehen, das hatte sich aus Mangel an Alternativen ergeben und erwies sich als guter Einstieg. Hier lernte sie die Schönen und Reichen kennen. Als sie in ihrem Chef auch noch den Ehemann fand, schien alles wie geplant für sie zu laufen. Ein paar Jahre waren sie ein schönes Paar auf den einschlägigen Partys gewesen. Ralph hatte sie gerne ausgeführt und herumgezeigt, gekleidet in erlesenste Stoffe. Sie war sein Schmuckstück. Vielleicht hätte sie früher merken müssen, dass die großzügigen Geschenke aus Gold und Diamanten nicht wirklich Beweise seiner Liebe waren. Und dass er ihr größtes Geschenk, ein kerngesundes Kind, nicht wirklich schätzte. Alles, was ihn nach der Geburt von Paul interessierte, war, wann sie wieder ihre Modelfigur zurückhaben würde. Schon als Amanda es für völlig selbstverständlich gehalten hatte, ihr Kind zu stillen, war es zu Auseinandersetzungen gekommen. Paul war ein süßes Baby, aber sehr anspruchsvoll. Den Spagat zwischen aufopferungsvoller Mutter und glamouröser Ehefrau schaffte sie nur unter großen Anstrengungen. Als sich dann auch noch Jonah ankündigte, waren die Risse in ihrer Ehe nicht mehr zu übersehen. Immer öfter ließ sich Ralph abends von seiner Assistentin begleiten, während Amanda erschöpft auf dem Kinderzimmerteppich einschlief. Dass die Assistentin mit der Zeit auch andere eheliche Aufgaben übernahm, war ihr lange egal. Doch dass Ralph seine Kinder kaum kannte und sie sich ängstlich hinter ihr versteckten, falls er den Weg ins Kinderzimmer fand, konnte sie nicht ignorieren. Sie sollten einen Vater haben, der sich für sie interessierte. Sie waren so tolle Jungs, solche Wunder und sie verdienten mehr. Als Amanda sich endlich dazu durchgerungen hatte, einen Anwalt zu kontaktieren, ging das Ganze sehr schnell. Ralph zahlte großzügig Unterhalt. Bis die Kinder erwachsen waren, würde sie sich um Geld keine Sorgen machen müssen. Finanzielle Engpässe hatte sie auch gar nicht erwartet, schließlich besaß ihr Vater mehr Geld, als er in diesem Leben ausgeben konnte. Ralph erkaufte sich auf diese Weise seine Freiheit. Die Kinder wollte er nicht sehen, sie bekam das alleinige Sorgerecht praktisch zwangsweise aufgedrückt.

Amanda stellte schon nach kurzer Zeit als alleinerziehende Mutter in Berlin fest, dass sie jemanden brauchte, dem das Wohlergehen ihrer Kinder genauso am Herzen lag wie ihr. Sicher, sie konnte jede Kinderfrau bezahlen. Allerdings war sie schnell ernüchtert. Was in der Theorie gut klang, erwies sich in der Praxis als problematisch. Paul wurde mit Süßigkeiten ruhiggestellt und kam nicht vom Schnuller los. Die Zukunft der Kinder war den Angestellten egal, die gingen jeder Konfrontation mit dem Dreijährigen aus dem Weg. Paul bekam alles, was er wollte, sobald seine Mutter aus dem Haus ging. Eis zum Mittagessen - kein Problem, solange das Kind dann zufrieden war. Den Ärger hatte später Amanda, wenn sie versuchte, Vitamine und gesundes Essen in den Kindermagen zu bekommen. Niemand half ihr in Berlin. Freundinnen hatte sie kaum, denn die meisten Bekannten stammten aus ihrer Partyzeit.

Also zog sie wieder in die Nähe ihrer Mutter und fand, was ihr gefehlt hatte: einen liebevollen Babysitter. Jemand, der stundenlang mit Paul Mau-Mau spielte und endloses Wimmern geduldig ertrug, als Jonah tagsüber vom Schnuller entwöhnt wurde. Und immer eine Tasse Kaffe, ein Stück Kuchen und ein offenes Ohr, wenn ihr die Erziehungsfragen über den Kopf wuchsen. Ihre Mutter war wirklich Gold wert. Eigentlich war Amanda recht zufrieden mit ihrem Leben. Ihre beiden Racker würde sie nie und nimmer missen wollen. Der Verlust der Feiern und des Jetsets machte ihr genauso wenig aus wie der Verlust ihres Ehemanns. Leider klang ihr Leben nicht glamourös und damit konnte sie niemanden beeindrucken. Doch beeindrucken wollte sie Florian unbedingt.

Also versuchte sie es auf die bewährte Art. Die, mit der sie sich durch den Jetset geschlagen hatte: Fragen stellen, Interesse zeigen, Bewunderung heucheln. Besonders bei Männern hatte das immer funktioniert.

»Florian, was genau machst du beruflich? Du sagtest, du bist viel unterwegs. Wo denn?«

Er schien fast unangenehm berührt zu sein. Er sprach leise, so als ob er nicht wollte, dass am Nebentisch jemand mitbekam, was er sagte. »Ich bin bei einem großen Konzern und dort werden Züge gebaut. Magnetschwebebahnen, Hochgeschwindigkeitszüge. Vor allem für Asien und Arabien, die können sich das leisten. Deshalb fliege ich manchmal dort hin, um die Arbeiten zu überwachen. Nichts Besonderes, einer muss es eben tun.«

Amanda atmete tief durch. Das klang interessanter, als vieles, was ihr auf Feiern normalerweise ältere Herren erzählt hatten. Florian schien das seltsamerweise peinlich zu sein. Anscheinend brauchte sie ein anderes Gesprächsthema.

Er kam ihr zuvor. »Und, was läuft bei dir? Ich habe immer darauf gewartet, dich in einem Hollywoodstreifen zu sehen.«

Innerlich schüttelte sie sich. Das, was alle in der Schulzeit von ihr erwartet hatten. »Das ist ein hartes Pflaster. Hinter dem schönen Schein geht es erbarmungslos zu. Es gab einige Angebote, doch ich hätte mich dafür ausziehen müssen. Klar, das machen ja die Stars auch, da kann sich keiner weigern. Aber ich wollte das nicht.«

Florian nickte zustimmend. In Amandas Gewissen erhob sich die böse Stimme, die sie daran erinnerte, dass die einzigen Rollenangebote in Wirklichkeit aus der Pornoindustrie gestammt hatten.

»Also Musik? Oder was ganz Anderes?«

Mist, dieses Gespräch lief genau verkehrt herum und er beherrschte das Fragespiel besser als sie.

»Vielleicht später. Die Connections habe ich. Nur lieber von hier aus als drüben im Haifischbecken. Ich habe mir Hollywood und New York angesehen und die Leute dort kennengelernt. Und schließlich erkannt, was ich an Nürnberg schätze. Ich habe große Pläne, die müssen erst reifen. Dafür brauche ich Abstand von dem Promi-Zirkus.«

»Ja, das Gefühl kenne ich, wenn ich aus Arabien zurück komme. Der ganze Prunk blendet und verstellt einem den Blick auf die wichtigen Dinge des Lebens.«

Amanda atmete erleichtert auf. Er nahm ihr das ab. Jetzt brauchte sie gar nicht mehr zu lügen. »Ich wohne wirklich gerne hier. Es ist schön, das ist mir früher nie aufgefallen.«

»Angenehmes Wetter, viel Natur, ein stabiles politisches System und Menschen, die ganz in Ordnung sind, wenn auch mürrisch. Man könnte es schlechter treffen.«

»Genau. Wie sieht’s bei dir aus? Ehe? Familie?«

Florian zuckte mit den Schultern. »Das schiebe ich ein bisschen vor mir her. Ich hab’s nicht eilig. Dafür müsste ich öfter hier sein. Ich will meine Kinder aufwachsen sehen, wenn es mal so weit ist.«

Sie nickte versonnen. Das war ganz anders als Ralphs Vorstellung. Florian klang tatsächlich so, als ob er Kinder mochte. Würde er sie fragen, ob sie Kinder hatte? Schließlich redete sie gerne von den beiden. Sie waren das Einzige, auf das sie wirklich stolz war. Doch meist verschreckte die Erwähnung der Mutterrolle jeden Mann, der ihr in letzter Zeit näher gekommen war. Was durchaus beabsichtigt war, eigentlich hatte Amanda kein Bedürfnis nach einer neuen Beziehung. Jonah und Paul beanspruchten ihre ganze Energie und sie war noch immer im Muttermodus gefangen. Wie eine Frau hatte sie sich kaum mehr gefühlt. Heute Abend wollte sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder einem Mann gefallen.

Als der Kellner ihr den großen weißen Teller mit den Nudeln brachte, galt ihr Interesse einzig dem Essen. Einmal in der Woche ging sie mit Alex aus. Sie quatschten den ganzen Abend und das Highlight war das Essen. Amanda war den Tag über damit beschäftigt, ihre Kinder zu füttern. Fünf Mahlzeiten pro Tag. Ständig kochte sie Brei und Nudeln. Ihre eigenen Geschmacksnerven kamen dabei zu kurz. Sie aß nicht zu wenig, der Zeiger der Waage kannte nur noch eine Richtung. Aber richtig leckeres Essen hatte sie selten. Kaum Salz und wenig Gewürze, keine Zwiebeln, kein Knoblauch: Kinderessen war einfach fad. Diese Spaghetti hingegen ließen ihre Geschmacksknospen vor Freude tanzen. Dazu der Wein und ein Gespräch mit einem Erwachsenen: Amanda genoss diese Auszeit. Heute saß ihr nicht ihre Freundin Alex gegenüber und die Gespräche drehten sich nicht um Kindererziehung und Windeln. Stattdessen saß ihr ein Mann gegenüber, der ausgesprochen attraktiv war und der sich früher für sie interessiert hatte. Nicht für ihren Körper, sondern für ihren Geist. Jemand, der ihr wirklich zugehört hatte und dem sie vieles erzählt hatte, was sonst niemand von ihr erfahren hatte. Es hatte einen bitteren Nachgeschmack, dass sie die Wahrheit verhüllte, aber das konnte sie gut ausblenden. Zufrieden sah sie zu, wie er genüsslich seine Pizza aß und dabei die Finger ableckte. Als er ihren Blick bemerkte, zog er entschuldigend die Schultern hoch.

»Ich war zehn Tage in China. Ich bin ausgehungert.«

»Ich mag chinesisches Essen. Obwohl mir der Thai noch lieber ist.« Amanda dachte verzückt an das rote Curry, dass sie letzte Woche mit Alex gegessen hatte. Mit viel Kokosmilch.

»Ich hier auch. In China ist das was anderes. Das ständige Gefuchtel mit den Stäbchen geht mir auf den Geist. Und wenn man mit Chinesen unterwegs ist, muss man aufpassen. Da weiß man nie, was einem vorgesetzt wird.«

»Hast du schon mal Hund gegessen?«, fragte Amanda entsetzt.

»Hoffentlich nicht. Die Speisekarte kann ich ja nicht lesen. Ich bin auf den guten Willen der chinesischen Kollegen angewiesen. Die außerdem ganz schreckliche Tischmanieren haben.« Er betrachtete seine Finger, die ein weiches Pizzastück balancierten. »Zumindest sehe ich das so.«

»Pizza muss man mit den Fingern essen! Kennst du das Olio e Oliva? Dort gibt es hauchdünne Pizzas, die so groß wie Wagenräder sind. Da bekommt man nicht mal Besteck.«

»Da war ich noch nie«, sagte er.

»Dann musst du unbedingt mal hin. Für mich die beste Pizza der Stadt.« Seltsame Entwicklung, früher hatte Amanda jede Boutique gekannt, nun verlagerte sich ihr Interesse mehr ins Kulinarische.

»Was hältst du davon, wenn du mir das mal zeigst?«, fragte er, während Amanda gerade die Vorteile einer großen Pizza gegen die Nachteile eines drückenden Rockbundes abwog.

»Gerne«, meinte sie spontan. Nur um sofort nachzuschieben: »Wenn ich Zeit habe. Mein Terminkalender ist ziemlich voll.« Er sollte nicht denken, dass sie sonst keine Angebote hatte.

»Dann wird das wahrscheinlich so bald nichts werden. Ich fliege Dienstag schon wieder. Diesmal nach Riad.« Er sah betrübt aus.

»Oh, du Armer. Gibt es da was Gescheites zu essen?«

»Es geht. Aber sicher keine wagenradgroße Pizza.«

»Dann werde ich mal sehen, was ich da machen kann. Das ist ja schließlich ein Notfall.« 

Amanda ging in Gedanken ihren Kalender durch. Tagsüber hatte sie die Verabredungen am Spielplatz und die Arzttermine. Doch abends saß sie zuhause vor dem Fernseher. Sie musste nur ihre Mutter fragen, ob die Kinder auch einmal außerhalb der freitäglichen Routine bei ihr übernachten dürften. So wie ihre Mutter die Enkel vergötterte, würde sie bestimmt liebend gerne zustimmen.

»Das wäre wirklich schön. Dann wäre der Gedanke an zwei Wochen Saudi-Arabien bedeutend leichter zu ertragen.«

»Okay, was hältst du von Sonntagabend? Den Termin da kann ich verschieben in die Zeit, wenn du nicht im Lande bist.« Die Verabredung mit dem Fernseher würde der Recorder übernehmen, wenn sie wirklich Sehenswertes verpasste.

»Toll. Gibst du mir deine Adresse? Ich hole dich ab. Wann?«

Amanda dachte entsetzt an ihr Haus, die ersten Spielzeugbagger lagen schon vor der Haustür. Nein, ihre Adresse konnte sie nicht offenlegen.

»Hast du ein Handy? Ich diktier’ dir meine Festnetz-nummer. Falls was dazwischen kommt. Ansonsten treffen wir uns um sieben im Olio e Oliva.«

»Ich würde dich gern holen. Dann kannst du etwas trinken.«

Oh, die Karaffe Wein. Dabei würde sie mehr als die Hälfte stehen lassen. Amanda schüttelte entschieden den Kopf. Gar nicht einfach, jemanden abzuwimmeln. Sie hatte definitiv keine Übung mehr damit. »Ich bin vorher unterwegs. Ich komme direkt.«

»Na dann. Da hab’ ich ja Glück, dass du mich noch dazwischenschieben kannst.«

Hörte sie Sarkasmus in seiner Stimme? »Na, etwas kurzfristig ist das schon. Was hast du erwartet?«

Das breite Grinsen erinnerte sie nun doch wieder an den Teenager, der ihr anhand von Songtexten Englisch-Nachhilfe gegeben und dabei die verrücktesten Sachen ausgegraben hatte. So hatte er gegrinst, als er ihr ›Bobby Brown‹ vorgelegt hatte.

»Eigentlich hab’ ich mit einem Korb gerechnet. Du warst immer mehrere Nummern zu groß für mich.« Er steckte sich das letzte Stück Pizza in den Mund und wischte sich die Finger sorgsam an der Serviette ab.

»Findest du?« Sie schob ihren leergekratzten Nudelteller von sich und nahm einen Schluck Wein. Ihr Augenaufschlag war zwar eingerostet, aber verfehlte seine Wirkung noch immer nicht. Ein bisschen scheues Mädchen, ein bisschen gerissene Frau. »Wir waren stets auf Augenhöhe.«

Sein kehliges Lachen dröhnte über den Tisch. »Ja, weil ich so klein war. Gott, damals habe ich jeden Abend gebetet, dass er mich schneller wachsen lässt. Dabei war ich nie religiös.«

Amanda schenkte ihm ein Lächeln und verkniff sich einen Kommentar. So war es ihr nicht vorgekommen. Er war eher wie eine Freundin für sie gewesen. Mit Mädchen kam sie nicht so gut zurecht, da gab es untereinander immer viel Neid. Doch Flo hatte diese Nische besetzt. Und: Er hatte an sie geglaubt. Nie wäre ihr seinerzeit in den Sinn gekommen, dass er von mehr geträumt hatte. Hoffentlich hatte sie in ihrer Unbedarftheit nichts gesagt oder getan, was ihn verletzt hatte. 

»Glaube ist so eine Sache. Du hast mir immer vorgehalten, dass ich nicht richtig an mich glaube und deshalb nicht das Beste aus mir raushole. Wahrscheinlich hast du recht, aber das ist schwieriger, als es klingt. Nicht mal Lehrer haben mir zugetraut, dass ich das Abi schaffe. Der Mathelehrer hat mir auf den Kopf zugesagt, dass ich sicher gut heiraten würde und mich nicht so quälen soll. Wobei ich nie vorhatte, nur Ehefrau zu werden. Ich wollte wirklich mehr. Aber dass es das Abitur sein könnte, daran wolltest nur du glauben.«

»Ich war nicht so verblendet, dass ich das falsch eingeschätzt hab’. Sicher, ich war gerne bei dir und es hat mir etwas gegeben, dir bei der Lernerei zu helfen. Dass unsere Freundschaft beendet wäre, wenn du nach der mittleren Reife abgehst, das war eh klar. Du hättest es wirklich drauf gehabt. Du hast viel mehr in der Birne, als du anderen gezeigt hast.«

Amanda zog schuldbewusst die Mundwinkel nach unten, ohne dass sie das verhindern konnte. »Du warst mir wichtig, als Freund. Das hatte nichts mit Lernen und Hausaufgaben zu tun.«

»Ja, klar.« Er hob spöttisch eine Augenbraue. »Deswegen bist du mir ja auch aus dem Weg gegangen, als dein Entschluss feststand.«

»Habe ich das wirklich getan? Weißt du, wie hochnäsig du an mir vorbeigesehen hast, an meinem letzten Schultag?«

Florian hob sein Weißbierglas an und leerte den Rest in einem Zug. Er brauchte lange dafür, fast zu lange. Erst als er das Glas sorgsam auf dem Bierdeckel abgestellt hatte, sah er wieder auf. »Für mich sah das aus nach: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.«

»Nein«, rief Amanda aufgebracht. »Das solltest du mir nicht unterstellen. Ich war bestimmt egoistisch und abgehoben. Damals dachte ich, die Welt dreht sich nur um mich. Aber als ich die Schule verließ, habe ich auch meinen besten Freund verloren und das war schlimm.«

»Jetzt tu nicht so! An Männern hat es dir nie gemangelt.«

Wollte er das wirklich nicht verstehen? Es sah danach aus.

»Das ist etwas völlig anderes. Ich war mit vielen im Kino. Keiner wollte je wissen, wie ich den Film fand. Es ging nur ums Knutschen. Und das habe ich auch so erwartet. Meine Beziehungen waren gut, so wie sie waren. Mit dir war das etwas Besonderes.«

Er hob die Hand und Amanda dachte, er wolle Einspruch erheben. Seine Geste galt jedoch nur dem Kellner. Sie sah stillschweigend zu, wie er die Rechnung komplett übernahm. Wortlos nahm sie hin, dass er diese Diskussion abrupt beendete, indem er sich anderen Dingen zuwendete. Ihre einzige Aufgabe, das Bedanken für die Einladung, erledigte sie so würdevoll wie möglich. Gut, das war schon oft genug ähnlich gelaufen. Allerdings hatte sie von ihm irgendwie etwas anderes erwartet. Ohne dass sie das genau bezeichnen konnte.

Er drängte auf einen schnellen Aufbruch. Amanda, die heute ihren kinderfreien Abend hatte, hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Dort wartete nur ein leeres Sofa. Dadurch, dass Alex ausgefallen war, hatten sich sämtliche Pläne sowieso zerschlagen. Es war Freitagabend und sie hatte gehofft, dass der Abend nicht schon um zehn endete. Doch plötzlich war Florian kurz angebunden. Sie wollte ihn nicht fragen, warum.

Sie verabschiedeten sich draußen vor der Pizzeria. Er hatte ihr formvollendet in die Jacke geholfen, während sie krampfhaft versucht hatte, ihren ziemlich breit gewordenen Hintern vor ihm zu verbergen. Die Hose saß nicht schmeichelhaft und schlagartig war ihr das unangenehm bewusst. So im Sitzen in der halbdunklen Pizzeria hatte sie sich noch wohl gefühlt. Jetzt vor ihm zu stehen, im Schein einer ungnädigen Straßenlaterne, und zu ihm hochzusehen, war wie ein Schwall kaltes Wasser für ihr Selbstbewusstsein. Er dagegen gewann hier draußen eher. Hochgewachsen und breitschultrig, seine ganze Haltung strahlte Selbstsicherheit aus.

Amanda fühlte sich unscheinbar, ein Gefühl, das ihr früher bei Dates völlig unbekannt war. Nun ja, die letzten Dates hatte sie vor den Geburten ihrer Jungs erlebt. Sie war ernüchtert, als er ihr zum Abschied ein Küsschen auf die Wange hauchte. Aber auch irgendwie erleichtert.

Ihr Auto parkte um die Ecke. Er hatte nicht gefragt, wie sie heimkam und das hatte weitere Ausflüchte erspart. Die Kindersitze und die Janosch-Sonnenblenden an den Seitenscheiben hätte sie sonst erklären müssen.

Seufzend ließ sie sich hinters Steuer gleiten. Der Abend hatte sie aufgewühlt, mehr als die üblichen Treffen mit Alex das getan hatten. Sie hatte ihr Mama-Dasein für ein paar Stunden von sich geschoben, sogar verleugnet. Nun, jetzt saß sie wieder in ihrem Auto und im Handschuhfach lag die Notausrüstung aus Wechselklamotten und Windeln. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Ihr Verhalten von vorhin war ihr ein Rätsel.

Die Kinder waren das Beste, was ihr passieren konnte. In der Rolle als Mutter ging sie auf. Endlich kreiste sie nicht mehr nur um sich, sondern hatte Verantwortung für das Wohlergehen dieser beiden Zwerge. Und das ganz alleine. Ralph war von Anfang an nicht mit im Boot gewesen, jede Entscheidung seit dem ersten Schwangerschaftstest hatte sie getroffen. So würde sie es weiter halten. Entschlossen drehte sie den Autoschlüssel um und wendete den Wagen.


Mein Leben fernab von Hollywood


Zehn Minuten später parkte Amanda vor dem kleinen Haus am Stadtrand, das sie vor einigen Monaten bezogen hatte. Das Geld dafür stammte von ihrem Ex-Mann und den Kauf hatte ihr Vater abgewickelt. Dennoch war es ihr Heim. Jede Staude im Vorgarten hatte sie selbst ausgesucht und eingegraben. Die Obstbäume des großen Gartens hatte sie nach dem Studium eines Buches geschnitten. Gut, das Schaukelgerüst hatte ein Handwerker aufgestellt und der Verkäufer des Baumarktes hatte dumm geschaut, als sie gefragt hatte, wer ihr das denn montieren würde. Aber die Küchengardinen hatte sie selbst genäht. Sie konnte alleine eine Familie führen und darin wurde sie von Tag zu Tag besser. Die Frauen von der Krabbelgruppe und im Kindergarten behandelten sie wie eine von ihnen. Dort war sie nur eine weitere alleinerziehende Mutter. Kaum Stutenbissigkeit. Na gut, vielleicht lag es auch daran, dass von ihrer auffallenden Schönheit nicht mehr viel übrig war. Früher hatte sie wie ein Model ausgesehen, groß, schlank, die straffen Rundungen genau an den richtigen Stellen. Dazu immer hohe Stilettos, kurze Röcke und passendes Make-up. Jetzt kleidete sie sich bequemer, in flachen Schuhen konnte man einem Zweijährigen besser hinterher rennen. Zum Shoppen kam sie eh nicht mehr. Ihre Kurven waren ausladend geworden. Meist machte ihr das nicht viel aus. Sie sah einfach nicht in den Spiegel. Nur ihre langen blonden Haare waren noch dieselben wie früher, die Farbe trug sie schon seit über zehn Jahren.

Amanda öffnete die Haustür, streifte die Schuhe von den Füßen und zog die ziemlich enge schwarze Hose von den Hüften. Langsam schlurfte sie durchs Haus. Aus dem Kühlschrank holte sie ein alkoholfreies Bier und im Wohnzimmer lag ihre Jogginghose neben einem Sessel. Zufrieden schlüpfte sie hinein, fläzte sich auf das Sofa und zog die Beine hoch. Die Fernbedienung in der Hand zappte sie sich durch die Programme, ohne wirklich hinzusehen. Richtig müde war sie noch nicht, denn der Abend hatte sie aufgewühlt. Die Tatsache, dass sie Florian Sonntag schon wieder treffen würde, verstärkte das Ganze. Andererseits waren die Nächte, in denen sie ungestört schlafen konnte, rar gesät. Meist schrie Jonah irgendwann in der Nacht, weil sein Schnuller, den er im Bett noch benutzen durfte, durch das Gitter nach draußen gerutscht war. Amanda hatte zwar schon überlegt, ihn dort festzumachen. Doch Jonah war so süß und er freute sich so, wenn sie hereinkam und ihm seinen Nucki brachte, dass sie es bisher unterlassen hatte. Meist saß sie noch eine Zeitlang neben seinem Gitterbett und betrachtete ihn. Er konnte sich innerhalb von Sekunden von einem Wüterich in ein selig schlummerndes Baby verwandeln. In den Nächten, in denen Jonah durchschlief und kein grelles Geschrei durchs Haus drang, war ihr Schlaf trotzdem so leicht, dass sie nicht völlig erholt aufwachte. Die Zeit, in der ihre Kinder bei Oma und Opa übernachteten, musste sie auskosten.

Seufzend schaltete Amanda den Fernseher aus und stemmte sich hoch. Die Treppe in den ersten Stock zog sie sich wie eine alte Frau am Geländer entlang. Manchmal genoss sie es, alle Haltung fahren zu lassen. Schon im Badezimmer kam die Erziehung ihrer Mutter allerdings wieder durch. Immer ordentlich Zähneputzen und nie ohne Abschminken ins Bett. Sie betrachtete ihr Gesicht zum ersten Mal seit Monaten genauer, als sie mit dem Wattebausch und der Reinigungslotion sorgfältig die langen Wimpern von der Schicht Wimperntusche befreite. Die intensiv blauen Augen benötigten keinen Lidschatten, sie waren so ausdrucksvoll genug. Auch die schmale Nase, die hohen Wangenknochen und die vollen Lippen gefielen ihr. Sogar jetzt, wo das eingespritzte Volumen langsam zurückging und ihre Oberlippe wieder ihre natürliche Form erlangte. Ihr Gesicht war nach wie vor schön. Sicher hatte das auch Florian gesehen. Was sich unterhalb der Kinnlinie abspielte, gefiel ihr nicht mehr. Schon unter dem Kiefer war überschüssige Haut zu finden, Doppelkinn wäre eine Übertreibung. So verhielt sich das mit dem ganzen Körper. Vernachlässigt und etwas in die Breite gegangen. Ein Teil von ihr fand es gut, dass sie nicht mehr wie früher Stunden damit zubrachte, jedes einzelne Haar mit einer Pinzette zu entfernen und die Fußnägel passend zum Outfit zu lackieren. Seit Paul auf der Welt war, standen andere Dinge im Vordergrund. Dadurch hatte sich die geliebte Tätigkeit des sich Pflegens und Schön-Machens in eine lästige Pflicht verwandelt. Ralph wollte nicht einsehen, dass sie nicht mehr wie ein Unterwäschemodel aussah. Der Zeitaufwand war ins Unermessliche gestiegen, wenn sie es trotzdem versuchte. Trotzdem hatte das Endergebnis nicht überzeugt. Irgendwie geschummelt und vertuscht.

Seit der Scheidung schlüpfte Amanda nun morgens in T-Shirt und Jeans, putzte die Zähne und bürstete die Haare. Nur einmal die Woche, wenn sie freitags mit Alex ausging, gab sie sich mehr Mühe. Gott sei Dank hatte Florian sie so angetroffen und war ihr nicht im Supermarkt über den Weg gelaufen. Obwohl, da hätte er sie wahrscheinlich nicht erkannt.

Als sie in den Spiegel sah, wurde ihr klar, dass sie sich endlich wieder um sich selbst kümmern müsste. Nicht übertrieben und ihrer Mutterrolle angemessen. Aber doch so, dass sie gerne in den Spiegel schauen konnte. Und bis Sonntagabend hatte sie ja noch Zeit, um sich auf Vordermann zu bringen.

Nur nicht mehr heute! Sie drehte ihre Haare zu einem lockeren Knoten zusammen und zog ihr Nachthemd an. Ein oberschenkellanges T-Shirt mit Daisy Duck über dem Bauch. Paul hatte es ihr ausgesucht. Wollte sie wirklich so herumlaufen?

Amanda schlief schlecht in dieser Nacht. Zum ersten Mal seit Jahren kreisten ihre Gedanken nicht um Windeldermatitis und Ohrenschmerzen. In dieser Nacht stellte sie sich der Frage, ob sie mit den Themen Liebe und Partnerschaft schon komplett abgeschlossen hatte. Oder ob sie noch etwas erwartete. Es musste ja nicht Florian sein. Wahrscheinlich war er nicht einmal Single. Er war der einzige Mann, den sie außerhalb von Kindergartenevents getroffen hatte. Der Erste, bei dem sie überhaupt auf den Gedanken kam, dass sie wieder geküsst werden wollte. Nicht diese feuchten, süßen Küsse, die nach Brei und Milch rochen. Sondern die, die sanft im Gesicht kratzten und den Duft von herbem Aftershave verströmten. Wobei die klebrigen eindeutig die Besseren waren!

Gegen acht wachte sie auf, als die Sonne hell durch die Spalten des Fensterrollos schien. Es war himmlisch ruhig im Haus und doch fehlte ihr etwas. 

Sie legte ihre Lieblings-CD auf, machte sich einen Kaffee und ging ins Bad. Unter der Dusche rasierte sie sorgfältig die Beine und rubbelte anschließend den ganzen Körper mit einem Peeling kräftig ab. Der Hornhaut an den Fersen rückte sie mit einem Bimsstein zu Leibe. Der anfängliche Elan war allerdings schnell verflogen. Zur Pediküre reichte die Lust nicht mehr.

Kurz schrieb sie Alex eine SMS und fragte nach, wie es Mara denn ginge. Sie hielt die SMS absichtlich unverfänglich, schließlich wusste man nicht, ob man in ein Wespennest aus Krankenhausaufenthalt, Blinddarmoperation und Mutterangst hineinstach. Außerdem war für heute Nachmittag die Feier anlässlich von Maras viertem Geburtstag geplant. Sie wollte durch die Blume fragen, ob sich ihre Tagesplanung irgendwie geändert hätte. Alex’ Antwort war kurz und beruhigend: Fehlalarm, alles okay. Wir sehen uns um drei. Sorry wegen gestern.

Amanda atmete zufrieden durch. Alles im Lot. Und immer noch eine Stunde totzuschlagen, bis sie zu ihren Eltern fahren konnte. Manchmal fühlte sie sich schizophren. Das Geschrei ihrer Kinder ging ihr oft auf die Nerven. Aber sobald die beiden aus dem Haus waren, vermisste sie genau diesen Lärm.

Frühstücken wollte sie nicht, denn ihre Mutter backte grundsätzlich, wenn ihre Enkel kamen. Normalerweise mit den Kindern zusammen. Dann rührte Paul den Teig und Jonah schleckte mit den Fingern irgendwelche Schüsseln aus. Die Küche sah danach aus wie ein Schlachtfeld, aber ihre Mutter genoss das sichtlich. Die klebrigen Enkel wurden in die Badewanne gesteckt und liebten ihre Oma dafür. Folglich gab es immer Kuchen, wenn sie ihre Jungs abholte.

Amanda seufzte. Also würde sie sich jetzt ein paar Gedanken über ihr Outfit für den morgigen Tag machen, obwohl sie dazu keine Lust hatte. Frustriert ging sie ihren Kleiderschrank durch. Was davon war schick, ohne übertrieben zu sein? Was spannte nicht? Worauf waren Milchflecken, die nie restlos herausgingen? Was taugte für ein Restaurant und nicht nur für den Spielplatz? Ihr früherer Kleiderschrank, der voll von Designerkleidern und hohen Schuhen gewesen war, kam ihr nun vor wie aus einem anderen Leben. Gerade heute, in diesem Moment, wünschte sie sich das zurück.

Schließlich legte sie eine schwarze enge Hose heraus, ein graues Top und eine Jeansbluse mit Strassbesatz am Kragen zum Darüberziehen. Toll war das nicht. Aber sie hatte auch keinerlei Idee, wie sie es besser machen könnte. Das Top hatte einen schönen tiefen Ausschnitt und würde ihr Dekolleté zur Geltung bringen. Um die Taille schmiegte es sich zu sehr an die angedeuteten Röllchen, also musste sie etwas darüber tragen. Die Bluse war länger als die Anderen. Daher würde sie verdecken, dass die Hose um die Hüfte zu eng war.

Es sah ganz so aus, als ob ihr das Gen für Mode abhanden gekommen wäre. Sie war eine komplette Baustelle! So ein Mist. Eigentlich war sie davon ausgegangen, dass man Stil und Geschmack entweder hatte oder eben nicht.

Vielleicht sollte sie heute Nachmittag Alex um Rat fragen. Die war immer pfiffig angezogen und dabei hatte sie auch keine Modelfigur. Viel auffälliger Schmuck und bunte Tücher lenkten den Blick ab von allem, was sie nicht in den Vordergrund stellen wollte. Irgendwie schaffte es Alex mit ihren Klamotten Selbstbewusstsein auszustrahlen, während ihre Kleidung wohl gerade schrie: ›Mir ist mein Aussehen ziemlich egal.‹

Der Wecker zeigte ihr, dass sie sich langsam auf den Weg zu ihren Eltern machen könnte. Sie nahm zwei Bücher vom Nachttisch mit, die dort schon seit Wochen ungelesen lagen. Sie wollte sie ihrer Mutter zurückgeben, das Zeug war ihr zu feministisch. Ständig ging es um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Warum ihre Mutter solche Lektüre las und was sie daran fand, war ihr schleierhaft. Schließlich war Margit die typische Ehefrau eines wohlhabenden Industriellen. Reich geheiratet, ein Kind bekommen und sich der Wohltätigkeit gewidmet. Eine vorbildliche Karriere eben.

Amanda hatte versucht, es ihrer Mutter gleichzutun und war kolossal gescheitert. Vielleicht lag es am zweiten Kind, dass die Figur endgültig ruiniert war. Doch tief im Inneren war ihr klar, dass sie das zweite Kind als willkommenen Anlass genommen hatte, um aus der vorgesehenen Rolle auszusteigen. Die Scheidung war ein Makel in den Augen ihrer Eltern, das war ihr bewusst. Obwohl Margit ihr deswegen nie Vorhaltungen gemacht hatte. Ihr Vater sprach eh wenig. Aber jetzt versorgte ihre Mutter sie mit emanzipatorischem Lesestoff und das war unheimlich. Sie würde die Bücher unauffällig im Flur ihres Elternhauses ablegen und sich auf keine Diskussion einlassen.

Ihre Eltern wohnten im angrenzenden Stadtteil. Dort war alles ein wenig vornehmer und gediegener als in ihrer Straße. Man wusch das Auto, kümmerte sich um den Garten und hielt ansonsten Abstand zu den Nachbarn. Als Teenager hatte Amanda gedacht, dass ihre Mutter genau das gewollt hatte. Seit sie selbst Kinder hatte, schlichen sich Zweifel ein. Ihre Mutter freute sich, wenn sie zum Kaffeetrinken kam. Sie stellte nicht nur aus Höflichkeit Kuchen auf den Tisch, sie wollte einfach Besuch. Sie liebte es, wenn Paul und Jonah Chaos verbreiteten. Die beiden durften sogar helle Sofas beschmieren, etwas, was ihr früher streng verboten war. Jetzt lachte ihre Mutter nur, wenn irgendwo Flecken hinkamen. Hauptsache es ist wieder Leben im Haus, so sagte sie manchmal. Wahrscheinlich war das Peters Schuld. Ihr Vater war seit der Pensionierung zwar zuhause, doch greifbar war er selten. Meist verzog er sich in die Werkstatt. Oder er ging zum Angeln oder Segeln. Wenn er am Familienleben teilnahm, war er wortkarg und reserviert. Ihr Vater, der während seiner Laufbahn mit so viel Charisma und Energie die Firma geführt hatte, wurde ein einsilbiger Brummbär. Ihre Mutter vereinsamte mit. Ihr einziges Kind und die Enkel waren jetzt ihr Lebensinhalt. Prima, deswegen würde sie sich freuen, wenn die Enkel am Sonntag schon wieder kämen.

Amanda stellte ihr Auto vor der riesigen Garage ab und lief ums Haus herum zu der überdachten Terrasse. Im Sommer deckte ihre Mutter fast immer dort den Kaffeetisch. Auch jetzt wartete eine ausladende Sahnetorte mitten auf dem Tisch. Die Kinder hatten dekoriert und diese Torte vereinte Smarties mit Schokostreuseln und Kirschen. Dazu gesellten sich vornehmes Porzellan und üppige, kugelförmig gebundene Sträuße aus Rosen in verschiedenen Rottönen. Es sah wunderbar aus. Genauso wollte Amanda früher leben: so stilvoll. Jetzt gefiel ihr das besonders in Verbindung mit der Kindertorte. Jonah quietschte vergnügt irgendwo im Haus.

Sie nahm die Bücher aus ihrer Handtasche und trat leise durch die Verandatür ins Innere des Hauses. Sie musste nicht rufen, sie ging dem Lärm nach. Die Lektüre legte sie auf dem Kaminsims im Wohnzimmer ab und betrat das ehemalige Arbeitszimmer ihres Vaters. Der große dunkle Schreibtisch war noch da. Auch die deckenhohen, massiven Regale, die sich früher unter dem Gewicht der Leitz-Ordner bogen. Nun beherbergten sie Pixi-Bücher, Lego-Duplo und Matchbox-Autos. Unten die Spielsachen, die für Jonah geeignet waren. In der Mitte ein paar Dinge, für die er noch zu klein war und die Paul herausholen durfte, wenn Jonah sein Mittagsschläfchen machte. Und ganz oben die Sachen, die man nur mit Oma Margit zusammen spielen durfte.

Von dort hatten sie etwas herunter geholt. Nun saßen alle drei inmitten einer Ritterburg auf dem Teppich. Die herrlichen Farben des Orientläufers waren kaum mehr zu sehen, überall lagen kleine Männchen und Pferde auf dem Boden. Während Paul ordentlich Steine aufeinander setzte, ohne dabei allerdings die Grundregeln der Statik zu befolgen, wollte Jonah alles in den Mund nehmen. Ihre Mutter hinderte ihn sanft daran und ließ stattdessen einen Hund auf seinem Arm hin und her laufen. Jonah jauchzte, ließ den Ritterhelm fallen, den er eben noch als Bonbonersatz verwenden wollte, und griff nach dem schwarzen Plastik-Wauwau.

»Hallo meine Lieben«, sagte Amanda fröhlich und kniete sich nieder.

Paul warf ihr nur einen erwachsenen ›Stör mich nicht‹-Blick zu, doch Jonah streckte seine knubbeligen Ärmchen nach ihr aus. Amanda zog ihn zu sich auf den Schoß und atmete verzückt den Babygeruch ein, der immer noch in Jonahs Haaren haftete. Ihre Mutter lächelte sie liebevoll an, bevor sie stöhnend auf alle Viere kam und sich erhob. Sie reckte sich.

»Also ihr Edelmänner, was haltet ihr von einem zweiten Ritterfrühstück?«, fragte sie.

Paul ließ die Burgmauer Mauer sein und rannte wie der Blitz aus dem Zimmer. Er wusste ganz genau, wo die Torte stand. Es war ihm sicher schwergefallen, nicht schon vorher seine Finger in die Sahne zu stecken. Amanda hievte sich Jonah auf die Hüfte und folgte ihrer Mutter in die Küche, wo die Kaffeekanne schon wartete.

»Kann ich dir was helfen?«, fragte sie pflichtschuldig.

Ihre Mutter hob die Augenbrauen. Diese Frage stellte Amanda immer wieder und die Antwort war eingespielt.

»Ich schaff’ das schon. Außerdem hast du ja nicht einmal die Hände frei.«

Mit einem Grinsen verließ Amanda die Küche. Etwas schuldbewusst fühlte sie sich, wenn ihre Mutter sie so verwöhnte. Deswegen fragte sie auch immer nach. Um ihr Gewissen zu beruhigen. Es war einfach wunderbar, nur mit dem Kleinen auf dem Arm in dem Teak-Gartensessel Platz zu nehmen und sich bedienen zu lassen. Paul stand erwartungsvoll am Tisch, die Augen fest auf die Torte geheftet.

»Paul, mein Großer! Kannst du mal in die Werkstatt laufen und Opa fragen, ob er dein Kunstwerk auch probieren möchte?«, fragte Amandas Mutter fröhlich.

Man sah es Paul an, dass ihm das sehr schwerfiel. Dann riss er seinen Blick gewaltsam von der Kaffeetafel los und sprintete in Richtung Garage. Amanda staunte einmal mehr, wie mühelos Margit mit ihren Jungs umging. Ein bisschen Schmeichelei und Paul funktionierte wie ein Uhrwerk. Bei ihr hätte er schon längst gebockt. Aber ihre Mutter brachte viel Zeit und Geduld auf, wenn ihre Enkel zu Besuch kamen. Hausarbeit und Erledigungen fielen an diesen Tagen nicht an, sie konzentrierte sich ausschließlich aufs Spielen und Verwöhnen.

»Opa kommt vielleicht später noch«, verkündete Paul und kletterte auf einen Stuhl.

»Na, der verpasst was! Paul, hilfst du mir beim Anschneiden der Torte?«

Paul krabbelte mit einem Knie auf den Tisch und durfte mit Oma zusammen das große Messer halten und die Stücke auf die Teller legen. Was danebenging, steckte er sich gleich in den Mund.

Die Torte sah zwar aus wie für einen Kindergeburtstag gebacken, aber sie schmeckte nicht wie das übliche bunte Zuckerzeug. Innen verbargen sich Erdbeerstückchen in einer Joghurtcreme zwischen Schichten von hellem Biskuit. Amanda ließ den ersten Bissen genüsslich im Mund zergehen. Margit war eine hervorragende Konditorin.

Das galt in vielerlei Hinsicht. Ihre Mutter bekam alles auf die Reihe: den Garten, das Haus, die eigene Erscheinung. Margit war ein unerreichbares Vorbild. Als Teenager hatte sie ihre Mutter verhöhnt, hatte gehässig den weichen Bauch und die ersten Dellen am Oberschenkel kommentiert. Damals hatte sie sich haushoch überlegen gefühlt. Sie war die kommende Schönheit und der Stern ihrer Mutter verblasste. Sogar ihr Vater hatte damals oft ihr die bewundernden Blicke hinterhergeworfen. Seit sie Mutter war, sah Amanda das anders. Plötzlich ließ sie ihr Aussehen im Stich, obwohl sie das früher für unvorstellbar gehalten hatte. Andere Fähigkeiten wurden wichtiger. So wichtig, dass sie wieder in die Nähe ihrer Mutter gezogen war.

»Die Torte ist fantastisch. Und kann ich dich mal was fragen?«

Das war jetzt nicht gerade die eleganteste Art und Weise, eine Bitte anzubringen. Doch da Amanda fast ständig an ihre Verabredung am Sonntagabend dachte, brannte ihr die Frage einfach unter den Nägeln. Die Kinderbetreuung musste als erstes gesichert sein, sonst würde das Date ins Wasser fallen.

»Lass uns erst die Rasselbande verköstigen«, antwortete ihre Mutter und reichte Jonah seine Trinkflasche. Die Milch darin war sicher auf den Punkt temperiert.

Amanda versuchte, sich wieder auf ihre Torte zu konzentrieren und den Atem tiefer werden zu lassen. Sie war aufgeregt, wer hätte das gedacht. Allein der Gedanke an Florian ließ ihr Herz schneller schlagen.

Paul war mit seiner Portion fertig und ein beträchtlicher Anteil war auf dem T-Shirt gelandet. Jonah, den Amanda gefüttert hatte, sah appetitlicher aus, doch auch er klebte.

»Ab mit euch ins Planschbecken«, rief Margit und zog Paul das Oberteil über den Kopf. Die restlichen Kleidungsstücke wurde Paul auf dem Weg zu dem riesigen, flachen Pool los, der mitten auf der Rasenfläche stand.

»Du kannst Jonah einfach runter setzen, er hat schon eine Schwimmwindel an«, sagte Margit.

Schnell befreite Amanda das aufgeregt strampelnde Kleinkind von Hose und T-Shirt. Jonah stürzte seinem Bruder hinterher. Ihre Mutter schob ihren Stuhl so, dass sie die beiden gut im Blick hatte, und schaute versonnen auf die kreischenden Kinder, die nun mit zwei Schwimmnudeln auf die Wasseroberfläche schlugen.

»Also, was wolltest du fragen?«

Amanda schluckte nervös. »Ich wollte dich fragen, ob die Jungs von Sonntag auf Montag auch hier schlafen können.«

»Klar, sehr gerne«, antwortete Margit.

Amanda räusperte sich. Sie musste es nicht erzählen, aber sie wollte es. Sie hatte außer Alex keine echten Freundinnen. Die anderen Mütter aus der Krippe und dem Kindergarten waren Bekannte. Hoffentlich würde sie sich irgendwann richtig dazugehörig fühlen und einige davon dann als Freundinnen bezeichnen. Alex kannte sie aus Berlin, sie hatten sich bei der Geburtsvorbereitung kennengelernt und seitdem nie den Kontakt verloren. Dass Alex ausgerechnet in ihre alte Heimatstadt gezogen war, verbuchte Amanda als glückliche Fügung. Alex würde sie heute Nachmittag noch fragen, ob ihr Outfit nicht optimiert werden könnte. Doch Mara sollte an ihrem Geburtstag im Mittelpunkt stehen, keine Männergeschichten. Warum sollte sie nicht ihrer Mutter etwas anvertrauen? Schließlich waren sie sich über die Kinder wieder näher gekommen.

»Ich treffe mich mit einem früheren Schulfreund. Wir sind uns zufällig in der Stadt über den Weg gelaufen. Ein bisschen über alte Zeiten plaudern, eine Pizza essen. Nichts Großes. Ich würde trotzdem gerne gehen. Natürlich nur, wenn dir das mit den Kids nicht zu viel wird. Und wenn Peter auch nichts dagegen hat.«

»Mach dir wegen deinem Vater keinen Kopf. Vielleicht bekommt er nicht mal mit, dass sie da sind. Peter will nur seine Ruhe. Wann bringst du sie?«

»Ich treffe mich um sieben mit Flo. Du weißt schon: Der, der sich mit dem Geld, das du ihm für die Nachhilfe gegeben hast, ein Moped gekauft hat.«

»Ich erinnere mich mit Grauen an seine Mutter.« Margit verzog das Gesicht. »Der Junge war in Ordnung. Der war gut für dich.«

Oha, sie hatte zwar mitbekommen, dass es wegen des Mopeds Ärger gegeben hatte. Aber die Auseinandersetzung auf der Elternebene war ihr entgangen.

»In Ordnung? Ihr wolltet mich damals enterben, wenn ich mich hinten auf die Maschine setze.«

»Ja! Sobald deine Jungs älter sind, wirst du das verstehen.«

Die Kinder kippten mit kleinen Bechern einträchtig das Wasser des Planschbeckens auf den Rasen. Wehe, wenn sie den Motorradführerschein machen wollen.

»Ich habe damals gehofft, dass er dich davon abhält, die Schule abzubrechen. Für ihn hast du deinen Verstand benutzt. Das war sonst selten.«

Amanda zuckte verletzt zusammen. Warum tat dieser Spruch nach so vielen Jahren noch immer weh? Was erwartete ihre Mutter eigentlich von ihr? Hatte das mit den Büchern über dem Kamin zu tun? Ihre Mutter sollte stolz auf sie sein. Vom großen Publikum hatte sie nie die ersehnte Bestätigung bekommen. Nun wünschte sie sich wenigstens, dass ihre Mutter ihren Weg guthieß.

»Ich wollte so sein wie du: Heirat, Kinder, ein stilvolles Haus führen. Abitur hast du ja auch nicht.«

»Und das war ein Fehler! Wobei es damals eine andere Zeit war. Aber du hast dich nur auf dein Aussehen verlassen und jetzt hast du nichts!«

›Nichts‹ fand Amanda ziemlich gemein. Es stimmte leider. Sie hatte die Kinder und damit eine Aufgabe. Sie lebte von dem Geld ihres Exmannes und hatte im Rücken einen reichen Vater. Eine eigene Karriere hatte sie nicht. Irgendwann würde das ein Problem werden. Wenn die Jungs groß genug waren, Fragen zu stellen. Das wollte sie wegschieben, sie ging zum Angriff über.

»Für dich ist es doch prima gelaufen. Welchen Chancen trauerst du schon hinterher?«

Ihre Mutter warf ihr einen Blick zu, als ob sie nicht ganz zurechnungsfähig wäre. Amanda spürte den unangenehmen Windhauch, als die Stimmung umschlug. Wollte sie wirklich eine Auseinandersetzung? Eigentlich lieber einen Babysitter!

»Ich meine: das Haus, der Garten. All das, was du hier aufgebaut hast.« Sie machte eine allumfassende Geste.

»Ja, der Garten, wo ich so oft mit meinem Mann gemütlich sitze und über Filme und Bücher diskutiere. Wunderschön! - Moment, wo ist Peter doch gleich?«

»Ihr habt eine schwierige Zeit. Der Ruhestand bekommt ihm nicht«, versuchte Amanda zu beschwichtigen.

»Wach auf, Kind!« Die Stimme ihrer Mutter war bitter. »Hübsches Mädchen heiratet reichen, älteren Mann. Du hast es selbst getan. Du weißt, wie es sich anfühlt.«

»Du kannst meine Ehe nicht mit deiner vergleichen«, empörte Amanda sich. Ralph war als Vater ein kompletter Ausfall. Galt das auch für ihren Vater?

»Warum nicht? Weil diese Ehe so lange dauert? Glaub’ mir, wenn ich einen ordentlichen Beruf gehabt hätte, dann wäre ich schon seit Jahren weg.«

Amanda schluckte. Langsam passte die Emanzipationslektüre ins Bild. »Also nichts als ein Fehler?«

Heftig schüttelte Margit den Kopf. Dann sah sie zu dem Planschbecken hinüber und ein glückliches Strahlen erhellte ihr Gesicht. Sie war noch immer schön, das fiel Amanda in diesem Moment auf. Nicht mehr in jeder Lebenslage und nicht völlig makellos, aber ihre Haut war ebenmäßig und leuchtete fast. Die zarten Gesichtszüge ließen sie sehr apart wirken.

Innerlich schimpfte Amanda mit sich, als ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen. Ihre Mutter war gerade fünfzig geworden. Sie war noch nicht wirklich alt. Ihrem Vater, der über fünfzehn Jahre älter war als seine Frau, dem sah man sein Alter inzwischen deutlich an. Durch ihn war ihre Mutter automatisch mit in den Rentnerstatus gerutscht. Das war ein Problem dieses ›hübsches Mädchen heiratet reichen, älteren Mann‹, wie ihre Mutter es lakonisch ausgedrückt hatte.

Tja, auch Ralph war zwölf Jahre älter als sie. Seine neue Freundin war nur halb so alt wie er. Ziemlich peinlich. War das die Art von Fehlern, die ihre Mutter meinte? Sie schrak aus ihren Gedanken hoch, als Margit weitersprach.

»Wenn ich deinen Vater nicht geheiratet hätte, wärst du nicht meine Tochter. Und dann wären die beiden Wasserratten da drüben nicht meine Enkel. Ich bereue nichts. Nur manchmal ist es schwer. Vor allem, weil ich sehe, dass du die gleichen Fehler machst wie ich.«

Amanda schenkte ihrer Mutter ein warmes Lächeln und ließ sich eine weitere Tasse Kaffee von ihr eingießen. »Ich versteh’ dich schon. Trotzdem habe ich keinen Schimmer, was du eigentlich von mir willst«, sagte sie dann ernst.

»Kind, du warst nur so ein Aushängeschild für einen reichen Mann. Du hast wenig eigenen Antrieb entwickelt. Bis zu dem Zeitpunkt, als du Mutter wurdest. Doch auch jetzt kümmerst du dich nicht um dich selbst.«

Amanda hatte regelmäßig nur den Klappentext der Bücher gelesen, die Margit ihr gab. Nun wusste sie nicht, worauf ihre Mutter hinauswollte. Das Thema hatten sie bisher immer vermieden. Heute hakte sie zum ersten Mal nach.

»Was habe ich als Mutter anders gemacht?«

Margit sah sie an, als ob das auf der Hand lag. »Ab dem Schwangerschaftstest hast du die Entscheidungen für dich und dein Baby selbst getroffen. Du hast gegessen, sogar wenn Ralph dich davon abhalten wollte. Du hast die Klinik ausgewählt und verkündet, dass du stillen willst. Du schaust dir Kindergärten an und suchst das Beste für die Jungs. Selbst der Entschluss, wieder nach Nürnberg zu kommen, hatte damit zu tun.«

Amanda nickte. Ja, da hatte sie ihren Kopf durchgesetzt. Ralph hatte säuerlich zugesehen. Er hatte dem ersten Kind zugestimmt, doch nach der Geburt wollte er es in die Obhut von Nannys und Bediensteten geben. Genau wie seine Kinder aus der ersten Ehe. Das war für sie nicht in Frage gekommen.

»Genauso solltest du auch für dich selbst sorgen. Wo willst du hin? Was willst du tun? Beruflich und in der Liebe. Nimm dein Leben genauso in die Hand.«

»Habe ich das nicht schon getan?«

Margit schüttelte den Kopf. »Du hattest früher hochfliegende Pläne, aber du hast nie gehandelt. Du hast andere für dich entscheiden lassen. Oder du warst halbherzig, du hast dich nicht für dich selbst eingesetzt.«

Das Ende ihrer Ehe ging Amanda durch den Kopf. Es stimmte, vorher hatte Ralph den gemeinsamen Weg bestimmt. Als sie nicht mehr bewundernd zu allem Ja und Amen sagte, da begann eine Krise, die geradewegs zur Scheidung führte.

»Deswegen mochte ich Flo damals so«, fuhr ihre Mutter fort. »Er hat dir solche Fragen gestellt. Was willst du? Wie ist deine Meinung dazu? Welcher Beruf könnte dich interessieren? Und er fand auch, dass das Abitur eine gute Ausgangsposition wäre, um alle Wahlmöglichkeiten zu haben.«

»Das stimmt. Er war anders als die Anderen. Er hat mich herausgefordert. Das hat sich nicht geändert. Ich finde das ziemlich anstrengend, mir immer eine Antwort zu überlegen.«

»Wenn es um Kindererziehung geht, hast du eine Meinung, da musst du nicht erst lange nachdenken!«

»Tja, irgendwie bin ich in der Verantwortung.«

Margit schlug mit der Faust auf den Tisch. Nicht stark und die Geste wirkte aufgesetzt. Doch die Tassen klirrten leise.

»Die Verantwortung hast du auch für dich.«

»Gut, das ist jetzt angekommen. Ich werde mir ein paar Gedanken machen.«

Sie war es ihren Kindern schließlich schuldig. Sie sollten eine Mutter haben, die ein ausgefülltes Leben führte. Sie musste Vorbild sein. Ihnen Vater und Mutter gleichzeitig ersetzen.

»Was ist aus Flo geworden?«, fragte Margit unvermittelt.

Amanda schrak zusammen. »Erwachsen. Und groß«, antwortete sie unbestimmt.

»Weiter? Interessant?«, bohrte Margit.

Amanda nahm einen Schluck Kaffee und ließ ihn genüsslich die Kehle hinunter rinnen, während sie überlegte. Sie hatte sich noch keine Meinung dazu gebildet. Nicht so wie über eine neue Kindergärtnerin. Margit hatte recht, als Mutter funktionierte sie anders.

»Sehr interessant. Groß und breitschultrig. Völlig anders als früher. Das schmale Gesicht und die Augen, die sind die gleichen geblieben. Ansonsten hätte ich ihn nicht erkannt. Selbstbewusst, beruflich erfolgreich. Aber er redet nicht viel über sich, er stellt lieber Fragen. Das macht das Ganze irgendwie schwierig.«

Margit lächelte. »Das ging dir damals schon so. Dann fandest du es gut, dass jemand deine Meinung hören wollte. Du hast sie dir halt erst bilden müssen.«

»Da hat sich möglicherweise nichts dran geändert.«

»Verheiratet? Kinder?«

Amanda zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht.«

»Und du bist interessiert?«

»Weiß ich auch nicht«, entgegnete Amanda nun langsam genervt.

»Siehst du, das meine ich: Das musst du doch wissen! Suchst du wieder einen Partner oder willst du erst mal alleine bleiben? Was willst du?«

»Kann ich mich nicht einfach nur mit ihm treffen? Und schauen, was weiter passiert?« Plötzlich fühlte sie sich wie ein bockiger Teenager, auf den die Mutter einredete.

Margit griff nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend. »Natürlich, Kind. Bring mir die Jungs und dann genieß’ den Abend. Dein erstes Date seit langem.«

»Ein Treffen unter alten Schulfreunden!«

»Nicht, wenn er gut aussieht!« Margit erhob sich. »Ich stell’ die Torte in den Kühlschrank. Dein Vater kommt wohl nicht mehr.«

Erleichtert sah sie ihrer Mutter nach, die in die Küche ging. Ihr Ziel, den Babysitter zu organisieren, hatte sie erreicht. Margit hatte nicht einmal ihren Mann gefragt, ob ihm Übernachtungsbesuch recht war. Der Rest des Gespräches: Nun, manchmal musste man so etwas wohl über sich ergehen lassen. Besser, als wenn ihre Mutter wieder auf ihrem Kleidungsstil herumgehackt hätte.

Amanda stand auf und ging zum Planschbecken. Ihre Jungs spritzten begeistert mit den großen Schaumstoffspritzen herum. Jonah wirkte überdreht. Es war Zeit für sein Mittagsschläfchen, aber er putschte sich immer weiter auf. Solange sein Bruder mit ihm spielte, würde er nicht nachgeben. Bestimmt würde er einschlafen, so wie sie ihn in seinen Autositz schnallte. Doch vorher sollte er noch trockene Klamotten anziehen.