Fluchtreflex

Christiane, fast 40, hat nach einer gescheiterten Ehe und einer desaströsen Scheidung Jahre gebraucht, um sich zu fangen. Nun erkennt sie sich im Spiegel wieder. In ihrer Mini-Wohnung verbringt sie gemütliche Abende vor dem Fernseher, die Arbeit in einem kleinen Reisebüro ist auch passabel. Aber am wichtigsten sind ihre Freundinnen. An den Wochenenden macht sie mit der Clique die Städte Fürth und Nürnberg unsicher. Die fünf Frauen verbringen wilde Nächte in der Disko und kosten das Singleleben in vollen Zügen aus. Männer - gerne! Beziehungen - nein danke!


Doch die Vergangenheit gerät ihr immer wieder in die Quere. Die lässt sich nicht verdrängen und auch ihr Umfeld weißt sie gerne darauf hin. Das muss Christiane schmerzlich auf einem Klassentreffen erfahren. Als sie versucht, einer peinlichen Situation durch einen gewagten Sprung aus einem Fenster zu entkommen, entfalten sich jedoch plötzlich ungeahnte Möglichkeiten.


Wird Christiane wirklich bekommen, wovon sie als Teenager geträumt hat? Oder wird sie lieber wieder einmal  flüchten?


Ein Liebesroman für Frauen, die mit beiden Beinen in der Realität stehen.

Die Heldin ist nicht zwanzig, blond und wunderschön.

Aber Liebe passiert auch im Alltag: Romantisch, lustig, tragisch, leidenschaftlich!


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Leserstimmen: 


Das Buch holt einen ab und entführt in eine wunderbar beschriebene Welt und die Welt um einen scheint nicht mehr zu existieren - genau das, was Bücher tun sollen! 

(Sabine) 


Ein tolles Buch über Freundschaft, Liebe und das wirkliche Leben. Dieser Roman ist eine Wohltat zwischen all den abgehobenen Liebesromanen, denn er besticht durch Ehrlichkeit und einer Geschichte wie aus dem echten Leben. Eine absolute Leseempfehlung! (Dreamworx/Lovelybooks Leserunde) 


Vielen Dank für die wunderschönen Stunden mit diesem Buch. 

Bin gespannt auf das nächste Werk der Newcomerin! (Ruth)

 



Bilder zum Spaziergang durch den Wiesengrund


Leseprobe

Kein opulentes Frühstück

Mit einem unguten Gefühl starrte sie auf den Bogen Papier: Klassentreffen! Na ja, nicht wirklich überraschend, schließlich jährte sich ihr Abitur im Mai zum zwanzigsten Mal. Und bisher hatte es zu allen runden und halbrunden Jubiläen eine offizielle Veranstaltung gegeben. Die gesamte Jahrgangsstufe, alle hundertzwanzig Mann. Nicht nur die Klassenkameraden der Klassen fünf bis elf. Die trafen sich regelmäßig in der alten Schülerkneipe. Doch da traf man immer nur die üblichen Verdächtigen. Aber dies hier - dies war großes Kino: Alle, mit denen sie die Kollegstufen zwölf und dreizehn des Gymnasiums verbracht hatte. Und die Organisatorin - eigentlich gleichzeitig die Streberin vom Dienst - hatte sich wohl für dieses Mal etwas ganz Besonderes ausgedacht. Der Zettel selbst machte nicht besonders viel her. Ein schwarz-weißer Druck, entweder mit dem Kopierer vervielfältigt oder die Druckerpatrone hatte ihre besten Zeiten schon hinter sich. Manche Buchstaben waren eher zu erahnen, als zu lesen. Trotzdem enthielt die Einladung genügend Sprengstoff, um die ganze Sache interessant erscheinen zu lassen.
Die ersten Zeilen waren, wie man es erwarten konnte: Einleitendes Geschwafel darüber, wie schnell die Jahre vergehen; wie glücklich man als Schüler gewesen ist; Ort; Zeit; die Bitte, den untenstehenden Abschnitt ausgefüllt zurückzusenden.
Und dann kam es! Stayfriends hatte sie am Computer auch schon wiederholt dazu aufgefordert, anzugeben, wie sie ihre ehemaligen Schulkameraden in Erinnerung hatte: als Streber, Sportskanone oder Schwarm. Am Bildschirm war das ganz fix weggeklickt. Hier lag das Gleiche nun in Papierform vor ihr!

Wen hast du als sportlich in Erinnerung? ____________
Wer war der Klassenclown? ____________
Wer war frühreif? ____________
Wer war ein Streber? ____________
Wer war kameradschaftlich? ____________
Wen fandest du besonders männlich / weiblich?
 ____________
Für wen hast du geschwärmt? ____________

0 Ich komme gerne und bin schon gespannt, was ihr
vorbereitet habt
0 Ich kann leider nicht teilnehmen

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Bitte ganz schnell ordnungsgemäß ausgefüllt (Du willst doch kein Spielverderber sein!) zurücksenden an mich.
Wir sehen uns dann!
Miriam
 
Zweifelnd sah Christiane schon seit fünf Minuten auf das Blatt. Ihr Müsli war in der Zeit nicht weniger geworden. Was zum Henker sollte das? Wer würde ihren Namen in die obigen Zeilen eintragen? Was, wenn jemand sie bei ›besonders männlich‹ angab? Damals hatten die Mitschülerinnen ja über ihre fehlende Oberweite gelästert. Konnte sie jetzt über solchen Dingen stehen? Und wollte sie so viel von sich preisgeben und diese Fragen ehrlich beantworten? Die Ersten gingen ja noch, aber gegen Ende wurde es echt peinlich.
Andererseits würde sie gerne dort hingehen. Das letzte große Treffen vor fünf Jahren hatte unter keinem guten Stern gestanden. Frisch geschieden war sie da aufgetaucht und hatte versucht, einen völlig unbekümmerten Eindruck zu machen. Was natürlich nicht funktioniert hatte. Sie kam sich wie eine Heuchlerin vor, als sie von ihrem neuen Single-Dasein geschwärmt hatte. Die Wunden waren tief und frisch - den Anderen konnte sie mit etwas Glück etwas vormachen, aber sich selbst nicht.
Nun sah es anders aus. Sie hatte sich wieder gefangen, in jeder Hinsicht. Ihre Anstellung im Reisebüro machte ihr Spaß, mit ihrer Mädelsclique machte sie jedes Wochenende die Stadt unsicher und auch äußerlich war aus der etwas unscheinbaren Mittdreißigerin eine Frau geworden, die bewusst und gerne mit ihren Reizen spielte. Ihre Figur war noch fast so schmal wie als Teenager, aber sah ganz eindeutig weiblich aus. Busen hatte sie bis heute nicht, doch die schmale Taille und die wohlgeformten Hüften stachen deutlich ins Auge. Ihre schwarzen Haare trug sie männlich kurz und gewollt verstrubbelt. Ein spannender Kontrast zu ihren vollen, weichen Lippen und den großen Augen.
Und diese gegenteiligen Signale sandte sie auch gerne über ihre Kleidung aus. Ein kurzes Blümchenkleid zu dunklen Strumpfhosen und Boots - wunderbar, aber dann auf jeden Fall ihre Motorradjacke dazu. Oder ein Minirock und High Heels, aber zum streng geschnittenen, zugeknöpften Blazer - und nur ein Spitzentop drunter.
Sie zog nun Blicke auf sich, etwas, was ihr seit ihrer Jugend sehr unangenehm gewesen war. Inzwischen konnte sie damit umgehen, es manchmal sogar genießen. Und das würde sie den hochnäsigen, früheren Ballköniginnen, die zum Teil langsam dick und grau wurden, doch gerne vorführen.
Und außerdem gab es da ja noch diesen Jungen. Nein, inzwischen war er eindeutig ein Mann. Irgendwie war er allein beim Anblick des Wortes ›Schwarm‹ sofort wieder präsent. Ihn müsste sie auf dem Zettel ganz unten eintragen, alles andere wäre schlicht gelogen. Konnte sie das? Oder machte man da lieber einen Strich? Obwohl, den Vornamen konnte sie schon hinschreiben: Michael.
Sie ließ ihn probeweise auf der Zunge zergehen. Nein, der Name wurde ihm wirklich nicht gerecht. Das war fast schon eine Sammelbezeichnung gewesen. Jetzt bekam ja jedes Kind seinen individuellen Namen, die seltsamsten Schreibweisen waren Mode. Aber zu ihrer Zeit hatte es in jeder Klasse einen Andreas und zwei Stefans gegeben. Und drei Michaels. Das machte bei vier Klassen dann ungefähr zwölf. Das scheint doch ein bisschen übertrieben. - Obwohl, so aus dem Stegreif fielen ihr Einige ein: der Michi, der Ströglers-Micha und der Brens. Und eben ihr Michael.
Der, den sie seit der siebten Klasse immer heimlich beobachtet hatte. In jeder Pause unten im Rauchereck. Schon damals, als sie noch gar nicht rauchen durfte. Später hatte sie nur wegen ihm Zigaretten besorgt, obwohl ihre ersten Versuche im elterlichen Wohnzimmer mit Hustenanfällen und angeekeltem Wasser-hinterher-Trinken geendet hatten. Aber schon bald hatte sie diese anfänglichen Schwierigkeiten überwunden und zog sich lässig in jeder Pause ihre Ziggi rein.
Zweimal hatte sie sogar allen Mut zusammengenommen und ihn um Feuer gebeten, obwohl sie während ihrer Raucherkarriere nicht einen einzigen Tag ohne Feuerzeug aus dem Haus gegangen war. Doch es hatte funktioniert. Na ja, ein Heiratsantrag war nicht daraus geworden, aber sie hatten ein paar Worte miteinander gewechselt. Und eine Zigarette hatte er ihr auch mal angeboten, eine von seinen dunklen Kräftigen. Leider hatte sie schon beim ersten Zug den kratzigen Rauch zu tief in die Lunge gezogen. An eine charmante Unterhaltung war nicht zu denken gewesen, sie hatte sich mit einer fadenscheinigen Entschuldigung davon gemacht. Und eine zweite Chance hatte sich nie ergeben.
So oft war sie weggerannt, wenn es ernst wurde. Es war die Ironie ihres Lebens, dass ausgerechnet, als sie standfest blieb und alle Konsequenzen durchstehen wollte, ihr Mann sich aus dem Staub gemacht hatte. Hartnäckigkeit zahlte sich eben doch nicht immer aus. Ein weiteres Mal würde sie ihr Glück und ihre Lebensplanung nicht von einem Mann abhängig machen. Sie kam auch als Single klar.
Christiane stand auf, löffelte die Müslireste in den Abfall und stellte die Schüssel ins Abtropfbecken. Nicht mal eine Spülmaschine lohnte sich für ihren einzelnen Teller. Es wäre auch kein Platz dafür da gewesen. Sie ließ den Blick unzufrieden durch die Küche wandern. Eine Miniküchenzeile in einer Miniwohnung in einem Minileben. War das alles, was sie vom Leben wollte?
Sicher, sie konnte auf das Klassentreffen gehen und alle blenden. Aber änderte sich dadurch irgendwas? Und warum war sie gestern noch so zufrieden mit sich gewesen? Das war doch nur Mist.
Sie schlüpfte in ihre Boots und packte die Pumps in den Rucksack. Sie musste sich sputen, sonst kam sie auch noch zu spät und das würde aus einem schlechten Morgen einen ganz miesen Morgen machen. Frau Sänger würde mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Uhr sehen. Wahrscheinlich würde sie sich nicht mal die Mühe machen, etwas laut zu bemerken. Aber ihr Gesichtsausdruck würde sagen: "Ich wusste es doch: Nicht mal pünktlich kommen kann diese kleine Chefschleimerin."
Christiane zog den Parka über und versteckte ihre kunstvoll zerzausten Haare unter einer grauen Strickmütze. Zwanzig Minuten brauchte sie für ihren Weg durch die menschenleere Fußgängerzone und über den Hauptmarkt bis ins Reisebüro. Fast stürmte sie mit energischen Schritten die Straßen entlang. Die wenigen Zulieferer, die morgens hier ihren Lieferwagen parkten und Pakete schleppten, würdigten sie keines Blickes. Weil die ja nicht ahnen konnten, was sich unter dem Parka alles verbarg.
Erst im Büro verwandelte sie sich wieder in eine Frau. Die enge schwarze Hose und die hellgraue Seidenbluse würden ihren Chef schon nicht enttäuschen. Dazu hohe Schuhe.
Es war ein tägliches Ritual. Sie ging morgens in sein Büro, besprach das Tagespensum und flirtete ein bisschen mit ihm. Er starrte ihr auf den Hintern, wenn sie sein Zimmer wieder verließ. Mehr würde nie sein. Er hatte eine Frau, von der er mehr als nur finanziell abhängig war. Und Christiane hatte kein Interesse an ihm, er war ihr viel zu alt und füllig. Aber sie gaben sich gegenseitig ein bisschen Bestätigung und brachten sich damit durch den grauen Alltag.
Und er hatte sie eingestellt, als sie dringend einen Job brauchte. Erfahrung hatte sie in diesem Bereich nicht gehabt, er hatte wohl eher auf ihr Dekolleté gesehen. Sie war so verzweifelt gewesen, dass sie diesen stillschweigenden Deal eingegangen war.
Alles war besser, als weiter ihrem Ex-Mann jeden Morgen bei der Arbeit über den Weg zu laufen. Zu hören, wie er sich mit seiner zwanzigjährigen Blondine das Wochenende beim Skifahren vertrieb. Und deswegen vor seinen Kollegen auch noch als toller Hecht dastand. Was ihre Rolle - die der verlassenen, älteren Ex - in diesem Theaterstück weiter verkleinerte. Sie hatte sich schließlich selbst aus dem Drehbuch rausgeschrieben: Sie war weggelaufen, mal wieder. Sie hatte ihren gut bezahlten Job bei der Bank aufgegeben, bloß um der Situation zu entgehen. Und sich damit in die nächste Misere gebracht. Einen neuen Arbeitsplatz zu finden, erwies sich als unmöglich. In den Auslandsabteilungen der Banken wurden eher Stellen abgebaut als jemand eingestellt. Und für andere Tätigkeiten war sie schlicht zu spezialisiert. Sie musste mit ihren Ansprüchen und Gehaltsforderungen in nie gekannte Tiefen hinabsteigen und trotzdem fand sich nichts. Bis sie beim Reisebüro diesen Zettel im Schaufenster gesehen hatte:
Assistentin der Geschäftsleitung gesucht.
Sie war einfach hineingegangen und eine halbe Stunde später schon feierte sie ihren Neuanfang alleine beim Bäcker um die Ecke mit einem Gläschen Prosecco und einem Krapfen. Mehr war nicht drin, das Gehalt war nicht berauschend.
Sie war froh, endlich wieder Planungssicherheit zu bekommen. Sie verkaufte ihr geliebtes Käfercabrio und mietete eine billige Wohnung an, die in der Nähe ihres neuen Arbeitsplatzes lag. Es war besser, als weiter ihrer Freundin Susan auf der Tasche zu liegen, besser gesagt, in deren Gästezimmer zu logieren.
Nun, ihre Arbeit musste sie an diesem Morgen auch noch erledigen. Einfache Verwaltungsaufgaben, ein bisschen Buchhaltung und private Besorgungen für den Büroleiter. Nichts, was sie wirklich forderte, aber konzentrieren sollte sie sich trotzdem.
Entschlossen beugte sie sich über die Kontoauszüge und addierte die Kosten für die letzte Sichtungsreise ihres Chefs. In Tunesien hatte er sich einen Club angesehen, rein geschäftlich, wie er betont hatte. Und er hätte sie nur zu gerne mitgenommen. Da war ihre Grenze, obwohl die Reise in ein fremdes Land sie ungeheuer reizte. Aber in diese Situation wollte sie sich auf keinen Fall hinein navigieren. Er konnte in ihrem Dekolleté mit den Augen verschwinden, so oft er wollte. Aber mehr würde es nie geben. Außerdem wäre sie bestimmt schneller ihren Arbeitsplatz los, als sie "Reisebüro" sagen könnte, falls seine Frau davon Wind bekäme. Und Frau Sänger würde sie in diesem Fall nur allzu gerne anschwärzen, soviel war mal sicher.
Puh, diese Geschäftsreise war ganz schön teuer geworden. Das konnte sich ihr kleines Unternehmen eigentlich nicht leisten. Betriebswirtschaftlich machte das niemals Sinn, selbst wenn jeder ihrer Stammkunden dieses Jahr seinen Urlaub dort verbrachte. So hoch waren die Provisionen einfach nicht. Also war es ein reiner Vergnügungstrip gewesen, nur dürftig getarnt als Geschäftsreise. Wollte er nach fünf Jahren nun doch mehr von ihr? Gott sei Dank hatte sie abgelehnt. Susan hatte also recht gehabt.
Apropos Susan! Zum Mittagessen wollten sie zusammen in das kleine Café an der Ecke gehen. Susan konnte einmal pro Woche ihre beiden Kinder für ein paar Stunden bei der Schwiegermutter abgeben. Den wöchentlichen Gang ins Restaurant genoss die zweifache Mutter, obwohl sie sonst in der Rolle der Familienmanagerin aufging. Aber sie brauchte Auszeiten vom Windelwechseln und den Windpocken. Deswegen war sie auch jeden Freitag dabei, wenn der Gang in die Disko anstand. Aber pünktlich um zwei Uhr nachts kam Susans Taxi und sie verschwand wie Cinderella, während Christiane und ihre drei Freundinnen noch durch die Bars zogen, auf der Suche nach einem Mann, der ihnen für ein paar Stunden die Einsamkeit vertrieb.
Susan stand pünktlich im Reisebüro, picobello gestylt wie jeden Montag: Bleistiftrock, Strumpfhosen, hohe Schuhe. All das, was in ihrem zweiten Leben als Mutter so gar nicht ging. Da waren nur Jeans und Pferdeschwanz angesagt, aber Christiane hätte gar nicht sagen können, was Susan besser stand. Natürlich hatte das was, die dunkelblonden, halblangen Haare zu weichen Wellen gelegt, ein leichtes Make-up im Gesicht, die Perlenohrringe und -kette passten haargenau zu der braunen Seidenbluse mit den weißen Polkadots. Aber irgendwie war der andere Look authentischer, selbst wenn das T-Shirt meist Milchflecken zierte. Sie begrüßte Susan mit einem Küsschen auf die Wange.
"Hallo Süße! Bereit zum Abmarsch?"
"Grüß dich! Ja, ich bin gleich so weit. Ich hol' nur schnell meine Jacke."
Sie warf sich den Parka über und stolzierte hinter ihrer Freundin durch die Glastür ins Freie. Das Café war nicht weit und der Weg selbst mit den hohen Hacken zu bewältigen. Sie fanden einen gemütlichen Tisch, gleich am Fenster und bestellten - wie jeden Montag – zwei üppige Salatteller. Dazu teilten sie sich ein Glas Wein und ein Tafelwasser. Das war ihr Ritual.
"Und, wie war dein Wochenende noch so?", fragte Susan neugierig. "Ist das noch was geworden mit dem blonden Wikinger?"
"Nein, ich bin gegen vier zuhause gewesen. Allein."
"Mensch, der war doch heiß! Wollte der etwa nicht?"
Christiane zuckte ihre Achseln. Susan war immer furchtbar begierig auf die Geschichten, wenn sie Männer abschleppte. Wahrscheinlich lebte ihre Freundin auf die Art aus, dass diese Zeit für sie unwiderruflich vorbei war und zuhause zwei kleine und ein großer Mann auf sie warteten.
"An ihm lag es nicht. Mir war einfach nicht danach. Irgendwie fühlen sich One-Night-Stands in letzter Zeit nicht mehr richtig an."
"Warum? Es ist dein gutes Recht! Nimm den Spaß doch mit!"
"Keine Ahnung. Nur so ein komisches Gefühl. Geht vielleicht auch wieder vorbei."
Die Kellnerin brachte ihre Salatschalen und Christiane widmete sich hingebungsvoll den Tomaten- und Avocadowürfeln darin.
"Kindchen", Susan sah sie aufmerksam an, "du willst doch nicht damit andeuten, dass du dich nach einer Beziehung sehnst?"
Christiane schüttelte energisch den Kopf. "Den Fehler mache ich nicht mehr. Aber trotzdem - diese völlig beliebigen Begegnungen reichen auf Dauer auch nicht aus."
"Dann probier' es mal wieder mit etwas Festerem. Du kannst es ja langsam angehen lassen. Behalt' dein Leben, deine Freunde und deine Gewohnheiten. Aber red' mal wieder mit einem Mann."
"Ich weiß nicht. Wahrscheinlich knicke ich wieder so ein und bin in kurzer Zeit ein Wrack, das nur versucht, es jedem recht zu machen und sich selbst dabei völlig aufgibt."
Susan schob sich ein sperriges Salatblatt in den Mund und nuschelte: "Du hast doch dazu gelernt. Willst du das ewig so machen wie Tina und Berret?"
Christiane nahm einen großen Schluck Wein. Das Thema war ihr zunehmend unangenehm. "Eigentlich fand ich das ganz gut. Kein Risiko, keine Gefühle." Wie konnte sie ihre Freundin nur unauffällig in andere Gefilde lenken? "Ach, übrigens, ich hab' eine Einladung zu einem Klassentreffen bekommen. Freitag in einer Woche. Falls ich da hingehe, müsst ihr mal ohne mich auskommen."
"Du willst das versäumen? In die Disko gehen wir doch jeden Freitag. Nicht, dass ich mich beschweren will. Aber da hättest du die Abwechslung, die du vielleicht brauchst."
"Stimmt. Und ich würde denen gerne zeigen, dass mich niemand bedauern muss. Das letzte Mal war ich ein verkleidetes Häufchen Elend. Diesmal hätt' ich gerne einen ganz großen Auftritt." Christiane nippte am Weinglas.
"Mach das doch! Zieh eins von Berrets Kleidern an und zeig allen Jungs dort, was sie verpasst haben."
Susan würde das so machen, das war genau ihr Ding. Und am nächsten Morgen würde sie in Jogginghose und mit Kinderwagen Windeln kaufen gehen.
"Du weißt, das ist nicht ganz mein Stil. Außerdem war ein Fragebogen dabei und den müsste ich ausfüllen, wenn ich da auftauchen will."
"Was für ein Fragebogen?", fragte Susan interessiert.
"Naja, nichts Besonderes." Das Gespräch ging schon wieder in die falsche Richtung. "Klassenclown, Streber, Sportskanone, Intelligenzbestie, Frauenschwarm, solche Schubladen eben."
"Das ist doch kein Problem, das hatten wir auch. Dann wurden Fotos von den Leuten an die Wand gebeamt und ein bisschen was dazu erzählt. Man musste aufstehen und manchen war das peinlich. Die Sportskanone von damals wiegt inzwischen über hundert Kilo, die wäre fast im Boden versunken. Also füll das doch einfach irgendwie aus. Ist doch völlig egal!"
"Man soll auch seinen Schwarm angeben", murmelte Christiane leise, während sie noch einen Schluck Wein trank.
"Na und, dann lass die Zeile eben frei."
"Das will ich nicht. Die haben mich früher als eine Art Kampflesbe verspottet. Damit gebe ich der blöden Kuh, die das organisiert, erst recht eine Vorlage."
"Kampflesbe, ausgerechnet du?" Susan zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
Christiane zuckte mit den Schultern. Es war schon lange her. "Ich habe halt nicht zu den typischen Mädchen gehört. Rosa war mir zuwider, ich trug Klamotten wie Depeche Mode statt wie Madonna. Und wegen des nicht vorhandenen Busens haben sie mir fehlende Weiblichkeit vorgeworfen."
"Wegen irgendwas haben diese Zicken doch über jeden gelästert. Ich bin sicher, dass du schon immer bezaubernd warst. Dafür braucht man schließlich keine Rüschen und Stickereien. Das war einfach nicht dein Stil."
"Damals hat mich das schon getroffen. Ich fand mich nicht besonders toll während der Pubertät. Dadurch stand ich unten in der Hackordnung."
"Verstehe. Dann schreib' irgendjemanden in diese Zeile. Ist doch egal."
Susan griff zum Weinglas und ließ den kleinen Schluck, der noch drin war, enttäuscht im Glas kreisen. Ups, schwesterlich geteilt war das heute nicht gewesen.
Christiane war schon drauf und dran, sich zu entschuldigen, als Susan plötzlich ihre blauen Augen auf sie richtete und sagte: "Das ist es! Es gab da jemanden. Und deswegen bist du heute so komisch. Deswegen hast du dir den Wikinger entgehen lassen."
"Nein, ich hab' den Brief doch erst heute aufgemacht. Trotzdem hast du recht, es gab da jemanden. Und keiner weiß davon und so soll es auch bleiben. Aber lügen will ich auch nicht."
"Also hast du dir schon deine Gedanken gemacht. Und du willst eigentlich hin, stimmt's?" Susan strahlte sie neugierig an. "Ist es wegen diesem Mann?"
"Kann sein!" Christiane war sich selbst nicht sicher. "Obwohl er vielleicht nicht mal kommt. Oder verheiratet ist. Oder er ist dick und kahlköpfig. Ich glaube, ich will es nur den anderen Zicken zeigen. Und ich hab' schon überlegt, ob ich nicht einfach nur den Vornamen reinschreibe. Davon gab es mehrere. Dann steht was auf dem Papier und ich lege mich trotzdem nicht fest."
Susan nickte zustimmend. "Das klingt doch nach einem guten Plan. Du kneifst nicht, aber du kannst es im Fall der Fälle noch abstreiten. Du brauchst bloß einen Plan B."
"Ich kann immer noch sagen, dass der andere Michael damals so einen frechen Haarschnitt und ein süßes Lächeln gehabt hat und ich drei Wochen von ihm geträumt hab."
"Genau das meine ich. Zahlen wir?"
Christiane warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. "Oh ja, ich muss wieder zurück, bevor ich Frau Sängers Unmut auf mich ziehe."
"Das tust du allein, weil du atmest! - Könnten wir die Rechnung bekommen?"
Die Kellnerin kam sofort an ihren Tisch und legte den Kassenbon über den Gesamtbetrag hin. Diese Woche war Susan mit dem Zahlen dran - das passte Christiane, die chronisch klamm war, gut.
Gemeinsam traten sie wieder auf die Straße. Das Wetter war typisch für April. Den ganzen Vormittag war es kühl gewesen, doch nun lugte die Sonne vorsichtig zwischen den Wolken durch und ihre Wärme war sofort spürbar. Christiane atmete zufrieden tief ein. Bald würde der Sommer kommen, das hob ihre Stimmung. Sie würde abends ins Kino gehen und danach noch draußen vor einem Café einen Drink nehmen können, ohne sich dabei seltsam vorzukommen. Im Winter waren die Tage irgendwie zu kurz und allein in die Kneipe zu gehen, das kam nicht infrage. Auch Susan neben ihr schien durch das schöne Frühlingswetter sofort in bessere Stimmung zu kommen.
"Wir sehen uns doch am Freitag? Das Klassentreffen ist erst nächste Woche, oder?", fragte ihre Freundin.
"Ja, ich komme zu Berret, wie immer. Sie will danach ins Metzes."
"Puh, da heben wir wieder den Altersdurchschnitt. Sind wir nicht langsam zu alt für diese Disko?"
"Ich hab' einen Gegenvorschlag! Wir können so eine Busreise machen, wo sie einem Rheumadecken verkaufen", schlug Christiane vor.
"Okay, dann eben ins Metzes! Ich muss los und meine Schwiegermama von den Plagegeistern befreien. Sie schaut bestimmt schon auf die Uhr."
"Ach komm, die ist doch ganz begeistert von ihren Enkeln." Kein Wunder, Tim und Jonas waren so süß.
"Irgendwie reicht es ihr, wenn sie regelmäßig Fotos bekommt und ihren Freundinnen davon vorschwärmen kann. Das Theater beim Wickeln braucht sie nicht."
"Du willst sie doch gar nicht länger abgeben. Tief in dir drin bist du doch auch eine Glucke, egal wie du redest." Christiane sah Susan von der Seite forschend an.
Die zuckte mit den Achseln. "Vielleicht hast du recht."
Sie waren beim Reisebüro angekommen. Susan nahm Christiane leicht in den Arm und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. "Dann gehe ich mal heim und verwandle mich wieder in ein Hausmütterchen. Danke für die Auszeit."
"Jederzeit. Bis dann!" rief ihr Christiane nach, während sie die Glastür aufschloss. Anscheinend war sie die Erste, die nach der Mittagspause wieder das Büro betrat. Prima!
Den Nachmittag verbrachte sie mit dem Entwurf des neuen Flyers. Endlich einmal etwas, was Spaß machte. Sie suchte ein paar Bilder bei Fotalia zusammen, von denen sie hoffte, dass sie die Stimmung der von ihnen vermittelten Reisen am besten einfingen. Weite Strände, Kamele in der Wüste. Es sollte keinesfalls nach Massentourismus aussehen. Dann probierte sie verschiedene Lay-outs und Hintergründe aus. Seriös und klassisch sollte es wirken, aber trotzdem nicht altbacken. Schließlich war sie zufrieden. Das Einzige, was störte, war das Bild des Teams: der Chef zwischen Frau Sänger und ihr. Und er hatte seinen Arm so um sie gelegt, dass es fast nach Besitzanspruch aussah. Frau Sänger umarmte er zwar auch, aber irgendwie wirkte das gezwungener. Sie seufzte. Lieber nicht darüber nachdenken. Sie speicherte die Vorlage und schickte ihrem Chef das Ganze als Anhang zu. Mal sehen, ob er damit zufrieden war.
Um vier packte sie ihre Sachen und verließ mit einem knappen Gruß das Büro. Nur Frau Sänger harrte da noch aus, ihr Chef war wegen eines Zahnarzttermins schon um zwei verschwunden.Natürlich habe ich ein ausgefülltes Leben! – Meistens!


Auf dem Hauptmarkt nahm sie noch drei Tomaten mit. Ab und zu sollten ein paar Vitamine auf dem Teller landen. Ein einfacher Salat würde ihre einseitige Diät, die aus allem bestand, was man in der Mikrowelle erhitzen konnte, bereichern. Jeden Montagmittag, wenn sie vor der bunten Schüssel saß, fiel ihr wieder ein, wie gerne sie so etwas aß. Doch für eine Person war ein gemischter Salat irgendwie ein schwieriges Unterfangen. Gurken gab es nicht in Minigrößen, ein Salatkopf war ihr auch zu viel und von allem, was einen Salat so lecker machte, brauchte sie gar nicht zu reden. Das Kochen hatte sie fast komplett aufgegeben. Der Aufwand lohnte sich einfach nicht. Und ihre Küche konnte man eigentlich gar nicht als solche bezeichnen: Es war ein Kühlschrank und ein bisschen was dazu.
Ihre umfangreiche Kochbuchsammlung und die großen Töpfe und Pfannen hatte sie in zwei Kisten gepackt, als René sie mehr oder weniger aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen hatte. Sie lagerten nun auf Susans Dachboden und warteten auf den Moment, wo Christiane wieder eine ordentliche Küche ihr Eigen nennen konnte.
Jetzt kochte sie einmal in der Woche abends für Susan. Der ging das ständige Essenzubereiten für die Familie auf den Keks, also hatte sie dem Arrangement gerne zugestimmt. Diese Woche wollte sie einen Sherperd's Pie zubereiten, allerdings fleischlos. Eine Recherche im Internet hatte einige Rezepte zu Tage gefördert und der Ausdruck des Ansprechendsten steckte zusammengefaltet in ihrer Parkatasche. Morgen würde sie deswegen im Bioladen einkaufen, wo sie die meisten Dinge bekommen müsste.
Susans Großer, Tim, hatte mit zwei Jahren jedes Fleisch verweigert und auch heute noch, mit vier, war er strenger Vegetarier. Jedes untergejubelte Stückchen Wurst sortierte er anklagend aus einem Eintopf heraus. Christiane hatte sich darauf eingestellt und kaufte seitdem auch fleischfreie Sachen in den einschlägigen Läden. Etwas, wofür sie Tim zu seiner Lieblingsköchin ernannt hatte. Susan war dafür manchmal zu genervt. Wenn es Würstchen mit Kartoffelbrei gab, dann bekam Tim eben nur die Beilage. Schließlich war er selbst schuld. Kein Wunder, dass er so strahlte, wenn Christiane kam und ihm ihre neuesten Fundstücke zeigte. Sie nahm sich vor, eine Packung vegetarische Wienerle extra nur für Tim mitzunehmen. Schließlich war er ihr Lieblingspatenkind.
Der Kleine dagegen, Jonas, hing einfach noch zu sehr an den Rockschößen seiner Mutter. Freiwillig hatte er noch nie auf ihrem Schoß gesessen. Und wenn Susan ihn ihr manchmal in die Arme gedrückt hatte, hatte er sich gewunden wie eine Schlange. Wahrscheinlich würde er irgendwann seine Scheu ablegen. Er war, genau wie Tim, Christianes Patenkind und bei Geschenken und Mitbringseln achtete sie streng darauf, dass keiner bevorzugt wurde. Doch ihre Liebe würde sie höchstwahrscheinlich nicht so gerecht aufteilen können.
Mit schnellen Schritten eilte Christiane die Fußgängerzone entlang. Die langsam dahin schlendernden Schaufenstergucker überholte sie zuweilen etwas rücksichtslos. Sie wollte einfach nur heim. Eine ältere Frau schimpfte ihr hinterher, doch sie war schon zu weit weg, um das zu verstehen. Nur Wortfetzen drangen zu ihr durch, doch sie vermittelten das unangenehme Gefühl, dass die Frau sie für einen ungehobelten, jungen Mann hielt. Bloß nach Hause! Die Türe schließen, Musik auflegen und alles hinter sich lassen.
Sie atmete erst wieder befreit auf, als sie im Hausflur stand und die schwere Eingangstür mit einem dumpfen Schlag hinter ihr zufiel. Dunkel war es hier, die Holztreppen waren schäbig und ausgetreten. Die Fliesen auf dem Boden mochten früher einmal farbenfroh gewesen sein, doch nun wirkten sie nur noch unmodern. Achtlos hineingestopfte Werbezettel schauten aus allen acht Briefkästen heraus, die zerbeult an der Wand hingen.
Verbissen versuchte Christiane, eine Werbebeilage und die Stadtzeitung von außen wieder aus dem Schlitz zu ziehen. Die Zeitung zerriss dabei. Wütend packte sie die Papiere und warf sie gleich in den daneben stehenden Container. Immer nur Mist! Und warum konnte sich keiner dieser Lümmel an den ›Bitte keine Werbung‹-Aufkleber halten? Eigentlich könnte sie den Briefkasten gleich abschrauben, schließlich kam selten Post für sie und noch seltener etwas Erfreuliches. Die Briefe des Finanzamtes und die Rechnungen würden den Weg zu ihr auch ohne diesen doofen Blechkasten finden. Die Einladung zum Abitreffen war eine echte Abwechslung gewesen. Trotzdem steckte sie, wie jeden Tag, den kleinen Schlüssel ins Schloss und öffnete den Briefkasten. Außer ein paar Fetzen der Stadtzeitung herrschte gähnende Leere.
Missmutig stieg sie die knarzenden Stiegen in den zweiten Stock hoch. Es hatte Zeiten gegeben, da war sie froh gewesen, wenn mal keine Post da war, damals, als Renés Scheidungsanwalt sie mürbe gemacht hatte. Aber nun war es einfach nur noch deprimierend. Genau wie ihr E-Mail-Account. Immer nur Werbung: Viagra, Penisverlängerung, Wunderpillen zum Abnehmen. Nichts, was sie irgendwie interessierte und auch nichts, mit dem sie in irgendeiner Weise schon mal in Kontakt gekommen wäre. Sie nahm an keinem Preisausschreiben teil und hinterließ nirgendwo ihre Adresse. Und trotzdem verbrachte sie einen Teil ihrer freien Zeit damit, unerwünschte Geschäftsangebote wieder aus ihrem Leben zu entfernen. Wie sah das nur bei Leuten aus, die freigiebiger mit ihren Personalien waren?
Sie sperrte ihre Wohnungstür auf und pfefferte ihren Parka zusammen mit den flachen Schuhen, die sie - ohne sie zu öffnen - vom Fuß streifte, auf den Boden unter dem Spiegel. Ihren Haustürschlüssel legte sie auf der kleinen Kommode ab, die neben der Tür stand. Die hatte sie extra bei Ikea besorgt, um einen Platz für ihr Handy und ihren Geldbeutel zu haben. Und deren Aufbau verdankte sie zwei abgebrochene Fingernägel, einen Anruf bei der Hotline und einen halben Nervenzusammenbruch. Doch die farbenfrohe Schale, die hoffnungsvoll als Ablage dort platziert war, enthielt nur einen Lipgloss und eine Packung Taschentücher. Das Handy und das Portmonee steckten immer noch in den tiefen Taschen des Parkas.
Christiane seufzte. Das mit der Ordnung und Organisation bekam sie einfach nicht gebacken. Früher war sie davon ausgegangen, dass sich das mit zunehmendem Alter automatisch einstellte: dass man mit vierzig alles im Griff hatte. Doch ihre Wohnung verwandelte sich unausweichlich in ein Studentenloch, seit sie allein lebte und niemandem über ihren Dreck Rechenschaft ablegen musste. Seitdem begnügte sie sich mit kleinen Zielen. Diesen Monat hatte sie sich vorgenommen, das Telefon ihres Festnetzanschlusses immer ordentlich in der Aufladestation zu deponieren. Als sie es letztens erst nach Stunden im Wäschekorb gefunden hatte, war das Fass übergelaufen. Sie lächelte zufrieden, als sie es genau da vorfand, wo es stehen sollte. Wenigstens das funktionierte.
Halt, da blinkte etwas. Ein verpasster Anruf? Nein, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter! Christiane nahm den Hörer zur Hand und drückte vorsichtig ein paar Tasten. Sie hatte so selten Nachrichten, dass sie die Anleitung bräuchte, um sie abzuhören. Aber angeblich war das alles intuitiv zu bedienen. Den Programmierer dieser Geräte würde sie gerne kennenlernen. Eigentlich wollte sie mit dem Teil nur telefonieren, doch hier gab es Funktionen, die hatte sie noch nie gebraucht. Damit wusste ihre Intuition definitiv nichts anzufangen. Selbst seit sie aufgegeben hatte, die Sommerzeit einzustellen und damit lebte, dass die Uhr immer nur ein halbes Jahr verlässlich war, blieb ihr das Gerät ein Rätsel. Irgendwie hatte sie wohl die richtige Tastenkombination erwischt, denn sie hörte eine Stimme: Marja, unverkennbar! Den leicht gehetzten Klang hatte sie jahrelang den ganzen Tag vernommen, damals, als sie noch in der Bank gearbeitet hatte. Schnell hielt sie den Hörer an Ohr.
"..... Christiane? Christiane? Ach so, das ist nur der Anrufbeantworter. Also, hör zu: Du musst mich unbedingt anrufen, ich hab' eine gute Nachricht für dich. Sofort, wenn du das abhörst. Verstanden? Bis dann."
Christiane hörte sich noch sekundenlang das Tuten des Telefons an und runzelte die Stirn. Was war denn so wichtig? Wahrscheinlich wollte ihr Marja wieder den neuesten Klatsch über ihren Ex-Mann erzählen, obwohl Christiane schon so oft betont hatte, dass sie davon nichts mehr hören wollte. Das Thema war eigentlich tabu. Meistens hielt Marja sich auch daran. In letzter Zeit tatsächlich so eisern, dass Christiane gar nicht mehr auf dem aktuellen Stand war. Was sie ärgerte. Schlechte Nachrichten würde sie gerne erfahren: René hatte sich getrennt, war vom Bus angefahren worden, kämpfte mit seiner Impotenz – so etwas hätte sie aufgebaut. Doch als stattdessen nur Geschichten von seinem letzten Urlaub und seinen angeblichen Aufstiegschancen die Runde machten, da hatte Christiane eine Nachrichtensperre verhängt. Besser sie erfuhr gar nichts. Und irgendwann hatte das auch Marja akzeptiert. Warum dann jetzt diese Dringlichkeit?
Sie blickte auf die Uhr. Halb sechs. Marja war bestimmt noch in der Arbeit und sie sollte ja sofort anrufen. Also wählte sie Marjas Geschäftsnummer, die sie noch auswendig kannte.
"Guten Abend, Frau Heinrich am Apparat", meldete sich Marja und klang dabei sehr seriös.
Christiane kicherte. "Marja, ich bin's."
Die Stimme am anderen Ende verlor ihren ernsten Klang. "Christiane! Wie geht's?"
"Alles gut. Warum hast du mich angerufen?"
"Kannst du dich erst mal setzen? Ich hab' gute Neuigkeiten!"
Christiane ließ ihre Augen durch den Flur schweifen. Weiter war sie heute noch nicht gekommen. Wer weiß, was alles auf dem Sessel im Wohnzimmer lag. Kurzentschlossen ließ sie sich im Schneidersitz auf den Boden sinken. "Ich sitze. René hat Hodenkrebs?"
"Wieso René? Nein, darüber wolltest du doch nichts mehr erfahren. Nein, die Mayer geht in Ruhestand. Und wir brauchen jemanden, der sich mit dem Pakistankram auskennt. Frau Winter, das ist unsere neue Chefin, hat deinen Namen als Sachbearbeiter in einer Uralt-Akte entdeckt. Erst dachte sie, dass René das bearbeitet hätte und wollte ihm das wieder zuschanzen. Aber er hat sich mit Händen und Füßen gewehrt, das würde er ja niemals hinkriegen. - Christiane, bist du noch dran?"
"Ja, ich höre. Ich hoffe, das macht am Schluss irgendwie Sinn."
"Klar, ich muss halt nur etwas ausholen. Auf jeden Fall hat Frau Winter uns daraufhin gefragt. Wir haben ihr von deiner Kompetenz vorgeschwärmt und erzählt, dass du nach der Scheidung einfach ausgeschieden bist und nun in einem Reisebüro arbeitest. Und jetzt halt dich fest: Sie will, dass du zurückkommst. Unbedingt!"
"Nur über meine Leiche!"
"Überleg mal! Du verdienst nicht nur viel besser, du hast auch wieder Verwendung für deine Sprachkenntnisse und deine Ausbildung. Und du kannst es René heimzahlen."
"Indem ich als seine Ex wieder auftauche? Und mir die Geschichten seiner Heldentaten live antue? Ne!"
"Überleg es dir! Es läuft nicht gut für ihn. Er ist immer davon ausgegangen, dass er Abteilungsleiter wird. Dann setzen sie ihm Frau Winter vor die Nase. Die ist jünger als er. Und jemand, der sein selbstgerechtes Machogehabe nicht leiden kann. Sie schaut nur auf Leistung. Übrigens ist ihm seine Helen auch abgehauen. Er erzählt natürlich, dass er sie rausgeworfen hat, aber ich denke, es war anders herum. Er ist im Moment nur ein frustrierter, mittelalter Sachbearbeiter. Der Lack ist ab!"
"Oh. Das klingt ja mal richtig gut! Warum weiß ich nichts davon?"
Marja seufzte hörbar am anderen Ende. "Weil ich dir nichts erzählen sollte. Also, was sagst du? Machst du das?"
Christiane ging kurz in sich. Das Gehalt wäre verlockend. Und ihre frühere Arbeit war hochinteressant. Besser als das Reisebüro und der lüsterne Blick ihres Chefs auf jeden Fall. Trotzdem, ihr Chef konnte ihr nicht wehtun, René dagegen schon. Und er kämpfte nicht mit fairen Mitteln, das war ihr endgültig bei der Scheidung aufgegangen.
"Nein, Marja. Es ist lieb von dir, dass du an mich denkst. Aber ich ruf' da nicht an."
"Du wirst es dir schon noch anders überlegen. Frau Winter wird dir gefallen, sie ist toll. Hör dir einfach an, was sie dir vorschlägt."
"Ich werde sie nicht kontakten. Vergiss es!"
"Mensch, Christiane, hab dich nicht so! Und du musst sie gar nicht anrufen, sie meldet sich bei dir!"
Christiane sank am Boden in sich zusammen. "Du hast ihr meine Nummer gegeben?"
"Klar!" Das Frohlocken war sogar am Telefon in Marjas Stimme zu hören. "Ich will schließlich, dass du wieder gegenüber sitzt. Damals war es einfach lustiger. Seit du weg bist, fehlt mir hier eine Freundin."
"Marja, du kannst mich doch nicht reinreiten, nur weil du dich einsam fühlst."
"Tu' ich ja gar nicht. Ich tue dir 'n Gefallen. Und zufällig mir auch. Alles wird gut."
"Warum nur wollen mich Leute zu meinem angeblichen Glück zwingen? Ich will alleine entscheiden." Erst Susan, nun Marja.
"Christiane, das darfst du ja. Ich weiß eh, dass du es machst. Frau Winter kann man einfach nichts abschlagen."
"Also gut, ich höre mir ihr Angebot an. Ich kann's ja kaum mehr verhindern. Aber das heißt nicht, dass ich wiederkomme." Christiane senkte resigniert den Kopf.
"Ich wusste es! Die Anderen werden begeistert sein, wenn ich es ihnen erzähle."
Marja klang so glücklich, dass Christiane es gar nicht übers Herz brachte, ihrer Freundin eine klare Absage zu erteilen. Anscheinend waren die letzten Jahre auch für sie im Büro nicht so einfach gewesen. Trotzdem ging diese Einmischung in ihr Leben zu weit!
"Du sagst gar niemandem was! Du wartest ganz einfach ab!", sagte sie so entschieden wie möglich.
"Du bist so gemein", kam es schmollend zurück. Das Gesicht dazu konnte sich Christiane bildlich vorstellen.
"Du erfährst es dafür als Erste, Baby!" Christiane grinste innerlich. Früher waren sie nur Kolleginnen gewesen, aber nun verband sie so viel mehr. Und sie war echt froh, jemanden wie Marja an ihrer Seite zu haben. "Wir sehen uns am Freitag!", sagte sie gutgelaunt.
"Ja, bis dann! Vielleicht bist du da schon wieder meine Kollegin!"
"Tschüss, Marja!" Christiane drückte den roten Knopf und starrte noch einige Sekunden auf den Hörer.
Was war das gewesen? René hatte das Glück verlassen? Er hatte eine Frau vor die Nase gesetzt bekommen und diese Frau holte seine Ex wieder ins Team? Das könnte interessant werden. Nur dass sie ihm wahrscheinlich immer noch nicht gewachsen war. Er würde wieder dafür sorgen, dass sie sich klein und unscheinbar fühlte. Nein, dieses Risiko durfte sie auf keinen Fall eingehen.
Sie drückte sich hoch und kam mit gekreuzten Beinen aus dem Schneidersitz zum Stehen. Berret bewunderte sie für diese Fähigkeit grenzenlos, aber sie war schon immer sehr gelenkig gewesen. Durch ihre Freundinnen hatte sie das als Begabung erkannt. Seitdem bewegte sie sich anders. Geschmeidiger.
Sie öffnete ihre Bluse und ließ sie achtlos auf den Boden fallen, während sie ins Bad ging. Ihre Hose, Unterwäsche und Seidenstrümpfe markierten ihren Weg. Sie beugte sich über ihre große Badewanne - den einzigen Luxus ihrer Miniwohnung - und drehte das warme Wasser bis zum Anschlag auf. Dann griff sie zu ihrem Lieblingsschaumbad: Cool Water Woman. Eigentlich war der Name völlig unpassend für ein heißes Wannenbad. Aber sie liebte den Duft: Sportlich, nicht übertrieben weiblich, doch keinesfalls herb.
Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne und ließ ihren Arm in das Wasser gleiten. Anfangs kam es immer lange eiskalt. Bis das heiße Wasser vom Keller zu ihr hoch gelangte, dauerte es. Doch nun strömte umso Wärmeres aus dem Hahn und sie verteilte es mit kreisenden Bewegungen. Fasziniert sah sie zu, wie die Schaumberge immer genau da anwuchsen, wo das Wasser in die Wanne rauschte.
Fünf Minuten später versank sie in Bergen von zartduftendem Schaum. Jetzt wollte sie an nichts denken, vor allem nicht an die Dinge, die heute passiert waren. Gerade war ihr Leben in ruhige Bahnen gelenkt. Sie erkannte sich selbst endlich wieder, wenn sie in den Spiegel blickte. Da geriet der Boden unter ihr schon wieder in Bewegung. Und wie bei einem Erdbeben konnte man überhaupt nichts dagegen machen.
Einen Tag nach dem anderen wollte sie bewältigen, so wie sie das in ihren schwärzesten Zeiten auch getan hatte. Morgen stand der Einkauf für das Kochen bei Susan an. Und den Rücklauf wegen des Klassentreffens wollte sie noch auf den Weg bringen. Warum sollte sie da nicht reinschreiben, für wen sie mal geschwärmt hatte? Es war doch so lange her! Im Licht dessen, was ihr Marja heute serviert hatte, war das wirklich kein Problem. Ein Klassentreffen würde sie leicht hinter sich bringen. Vielleicht konnte sie ja dort ihr Selbstbewusstsein so weit aufbauen, dass sie tatsächlich diese Frau Winter treffen könnte. Dort in den Räumen der Bank, wo ihr jederzeit René über den Weg laufen könnte. Vielleicht sollte sie vorher nochmal zum Friseur? Wegen des Klassentreffens das bisschen Grau wegtönen und wegen René die Haare raspelkurz schneiden lassen. Er hasste Kurzhaarfrisuren, er fand das unweiblich. Seinetwegen hatte sie Ewigkeiten einen halblangen Pagenkopf getragen, gepaart mit schicken Blusen in freundlichen Tönen. Sie wollte ihm gefallen, schließlich war er ihr Mann.
Erst im Nachhinein ging ihr auf, dass sie sich selbst dabei komplett verloren hatte. Nun gefiel sie sich wieder. Ganz kurze Haare, Kleidung vorwiegend in Schwarz, Weiß und Grau und dazu auffällige Details. Berret arbeitete immer noch an ihrer Typveränderung und Christiane war ihr sehr dankbar dafür. Jetzt hatte sie auch ihr Make-up aufgefrischt. Weg mit dicker Grundierung und frischem Rouge, her mit rauchigen Lidschatten, viel Wimperntusche und hellem Gloss. Oder bei besonderen Gelegenheiten: dunkelroter, matter Lippenstift. Dazu dann große Ohrringe. Manchmal staunte Christiane, wenn sie in den Spiegel sah. So fühlte sie sich wohl. Viel weiblicher als früher. Sogar sexy.
Aus ihren Mängeln hatte Berret geschickt Stärken gemacht. Schon zu Schulzeiten hatte man sie gehänselt: Christiane, das Bügelbrett mit zwei Erbsen darauf. Das hatte sich nie geändert und hatte sie in dem Glauben bestärkt, nicht richtig weiblich zu wirken. Berret sah das anders: Christiane brauchte keinen BH. Sie konnte in die Disko gehen mit einem Top, das vorne aus etwas Stoff bestand und hinten von drei Schnüren gehalten wurde. Inspiriert durch einen Film hatte Berret ihr ein dunkelgrünes Kleid genäht, das einen Wasserfallausschnitt hinten hatte, der nicht nur den ganzen Rücken, sondern auch noch den Poansatz freilegte. Bisher hatte sie es nur in der Oskarnacht getragen, die Verleihung hatten sie gemeinsam vor dem Fernseher angesehen. In die Öffentlichkeit traute sie sich damit nicht.
Christiane seufzte tief. Ihre Mädelsclique. Zu fünft trafen sie sich jeden Freitag um acht bei Berret. Sie schminkten sich, zogen sich an, tranken das ein oder andere Glas Sekt und quatschten. Das allein war ein Riesenspaß. Der anschließende Besuch der angesagtesten Bars und Diskos war zwar manchmal ziemlich anstrengend, aber man wollte sich ja zeigen. Und Tina wusste eigentlich immer, wo man gewesen sein musste. Ja, auf die Vier konnte sie sich verlassen. Seltsam, irgendwie hatte sie lange gedacht, sie würde ihr Leben mit René verbringen. Doch nun schien es eher ihre frühere Kollegin Marja zu sein, mit der Christiane alt werden würde. Diese Freundschaften würde sie niemals aufgeben. Und Susan machte es ja gerade vor: Trotz zwei Kleinkindern stand sie jeden Freitag pünktlich auf der Matte. Selbst als ihre Jungs Fieber hatten. Dafür durfte ihr Mann Peter ins Fußballstadion, so oft er wollte - nur Freitagabend nicht.
Hm, das Wasser war schon ziemlich kalt. Nur noch ganz vereinzelte Bläschen schwammen auf dem Wasser. Christiane griff nach dem Bimsstein und rubbelte ihre Fersen, bis sie weich und zart waren. Dann tauchte sie kurz unter, verteilte etwas Shampoo auf den nassen Haaren und spülte den Schaum mit dem Brausekopf wieder aus. Sie beeilte sich, aus dem Wasser zu kommen, denn nun meldete auch ihr Magen seine Bedürfnisse an.
In ein Handtuch gehüllt, betrat Christiane die nur vier Quadratmeter große Küche. Ein Blick in den kleinen Hängeschrank und in den Kühlschrank: Sie hatte eine gut sortierte Auswahl an Fertiggerichten und Konservendosen da. Sie entschied sich für eine Portion Nudeln mit Lachs-Sahnesauce. Mit einem Messer stach sie ein kleines Loch in die Folienverpackung und packte das Ganze anleitungsgemäß in die Mikrowelle.
Dann holte sie ihren Pyjama, der im Schlafzimmer auf dem Boden lag, und schlüpfte hinein. Ihre Haare frottierte sie kurz trocken, zog dicke Socken über und war gerade fertig, als sie das ›Ping‹ der Mikrowelle hörte.
Sie zog den Foliendeckel vorsichtig ab, rührte die Nudeln einmal um, die natürlich nie so gut aussahen, wie auf der Verpackung abgebildet, und setzte sich an den Tisch. Wie nebenbei aß sie, während sie wieder auf die Einladung zum Klassentreffen schielte. Sportlerin? Tja, Marie war immer für so sportlich gehalten worden, aber sie war auch eine Ziege, die sich sonst was auf das bisschen Leistungsturnen einbildete. Sie würde Sybille reinschreiben, die war damals Triathlon gelaufen. Kurze Distanzen zwar, aber immerhin. Als Streberin würde sie Miss Miriam persönlich angeben, mal schauen, ob ihr das gefiel. Klassenclown? Matthias! Kameradschaftlich? Susanne, die hatte sie in Physik immer abschreiben lassen. Frühreif? Na, in die Kategorie würde Marie perfekt reinpassen. Besonders männlich war Achmed gewesen, absolut nicht ihr Typ, aber ohne Frage ein Bilderbuch-Macho. Das ›besonders weiblich‹ würde sie einfach durchstreichen, das war ja sicher so gedacht. Und ihr Schwarm hieß Michael. In Gedanken hatte sie den Bogen schon ausgefüllt, als sie die letzte Nudel zum Mund führte. Überall nur Vornamen.
Christiane legte ihr Besteck hin, schob die Plastikschale beiseite und zog den Zettel zu sich. In Windeseile standen die Namen drin, eigentlich hatte sie das souverän gemeistert. Sie kreuzte noch an, dass sie kommen würde und holte sich Briefumschlag und -marke. Dann steckte sie den Umschlag in die Parkatasche. Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, würde sie an einem Postkasten vorbeikommen.
Zum Abschluss zog sie sich noch eine Folge Ally McBeal rein. Es tat ihr immer gut, zu sehen, dass andere noch verkorkstere Leben führten.
Die Woche verging wie im Flug. Das Essen am Mittwoch hatte allen gut geschmeckt, Tim hatte die vegetarischen Wienerle mit Begeisterung entgegen genommen und sogar Jonas hatte sich durchgerungen und sie einmal angelächelt. Susan war ihr jedes Mal wahnsinnig dankbar. Obwohl Kochen für Christiane ein Vergnügen war, freute sie sich, dass sie ihrer Freundin auf diese Weise ein bisschen zurückgeben konnte. Schließlich hatte sie sich Wochen bei ihr in der Wohnung verkrochen und weder sie noch Peter hatten darüber je ein Wort verloren.
Der angekündigte Anruf von Frau Winter hatte nicht stattgefunden. Christiane wusste nicht, ob sie deswegen enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Wenigstens ließ langsam ihre Nervosität wieder nach. Es ging alles seinen gewohnten Lauf.Mit den Mädels auf die Piste


Am Freitagabend packte sie ihre beste Jeans und ihre Lederhose in die Sporttasche. Vier Oberteile kamen hinzu, zwei Paar Schuhe, sowie Make-up und eine Auswahl an Ohrringen. Als ob sie das Wochenende über nach Paris wollte. Doch es war nur das wöchentliche Ritual. Gemeinsam wurde über das Outfit entschieden und Klamotten ausgetauscht. Vielleicht schminkten sie sich wieder gegenseitig. Das letzte Mal fand sie sich zwar gewöhnungsbedürftig - Tina hatte ihr jede Menge Glitzer um die Augen aufgetragen - aber irgendwie gehörte es zum Spaß dazu. Außerdem hatte sie gerade durch Berret und Tina entdeckt, dass Mode Spaß machen konnte.
Um halb acht schulterte sie ihr Gepäck, zog den armygrünen Parka und Sneaker an und machte sich auf den Weg zur U-Bahn. Zwei Stationen später stieg sie aus und kehrte am Plärrer zurück an die Oberfläche. Dort, in einem unscheinbaren und etwas heruntergekommenen Hinterhaus, war Berret zuhause. Die Miete war in dieser Gegend noch erschwinglich. Wichtig, denn Berret bestand auf mindestens hundert Quadratmetern.
Als Christiane den Bürgersteig entlang schlurfte, ihre schwere Tasche über der Schulter, hupte plötzlich jemand. Christiane sah auf und entdeckte Tina, die aus ihrem Auto stieg und winkte. Typisch, sie stand schon wieder im Halteverbot! Tina stellte ihren Wagen einfach irgendwo ab, der Sinn der Schilder war ihr entgangen. Aber sie beklagte auch nie die Flut von Strafzetteln, die sie zahlen musste. Daher hatten ihre Freundinnen es schließlich aufgegeben, sie auf schraffierte Flächen und Ähnliches hinzuweisen. Nur bei Feuerwehrzufahrten passten sie inzwischen auf, seit sie eines Abends nach einem Diskobesuch das Auto nicht mehr vorgefunden hatten.
Tina stürmte fast über die Straße und umarmte Christiane ungestüm.
"Hi Süße! Wie geht's dir?" Sie hielt sie auf Armeslänge entfernt und beäugte Christiane kritisch von oben bis unten. "Wieder mal als Mann verkleidet?"
"Mensch, Tina! Das ist nur ein Parka! Allein in der U-Bahn fühl' ich mich so wohler."
"Na, dann lass uns mal hochgehen und deinen Look überarbeiten. Heute wird dein Tag, ich sag's dir."
"Ich dachte, es geht wieder ins Metzes." Nicht gerade ihre Lieblingsdisko.
"Tja, Berret besteht drauf. Sie hofft, da einen bestimmten Typen wieder zu sehen. Aber wir können ja später noch in eine Bar."
Christiane fiel der Kinnladen runter. "Berret will einen Mann zum zweiten Mal treffen? Was ist mit der los?"
Doch Tina lachte nur. "Sie hat ihn beim ersten Mal nicht bekommen. Da war eine langbeinige Dünne schneller. Das nagt halt."
Christiane atmete beruhigt durch. Das klang mehr nach Berret. Sie hatte Tina und Berret eines Abends auf einem Konzert kennengelernt, das sie zusammen mit Susan und Marja besucht hatte. Die beiden waren richtige Partymiezen und schleppten ständig irgendwelche One-Night-Männer ab. Aber sie waren nett, unternehmungslustig und in der Fünfergruppe bewegte man sich sicherer durch das Nachtleben. So war ihre Clique ganz zufällig entstanden.
Gemeinsam mit Tina stieg sie die Treppen in den vierten Stock hoch. Der Aufzug war schon seit Wochen kaputt. Das passte schon alles irgendwie zu Berret. Ihre ganze Wohnung glich ein wenig einem chaotischen Theaterfundus. Berret behauptete fest, dass jede Ordnung ihr nur die Kreativität nehmen würde. Es war schmutzig, aber irgendwie auch gemütlich. Die Tür stand offen und es schallte ihnen Bauchtanzmusik entgegen. Grausam, aber Berret bestand darauf, dass es ihre Sinnlichkeit herauslocken würde und dass man nicht Hardrock hören könnte, wenn man Verkleiden spielte. Und inzwischen gehörte es dazu, wie die große Couchgarnitur im Wohnzimmer, auf die jeder seine Klamotten warf.
Christiane stieg vorsichtig über die verschiedensten Pumps und Sandaletten und suchte sich einen Sessel aus, den sie mit einer geübten Handbewegung freiräumte. Glitzernder Stoff fiel zu Boden. Was hatte Berret da nur wieder ausgegraben?
Doch bei allem Kitsch und ihrem Hang zu lauten Farben: Wenn Berret jemanden einkleidete, hatte das Stil. Sie kombinierte wilde Teile mit dunklen Basics, achtete darauf, nur ein auffälliges Schmuckstück zu wählen und schaffte es sogar, Christiane einen Blümchenrock anzudrehen, den sie dann aber mit einem Totenkopfschal und Leder in Richtung cool trimmte. Auf diesem Gebiet war sie eine Künstlerin. Beruflich konnte sie das nur in Ansätzen ausleben. Ihre Stelle als Verkäuferin hatte zwar auf den ersten Blick die richtigen Voraussetzungen. Aber leider waren die Kunden nicht so modemutig wie ihre Freundinnen. Wobei diese für einen Freitagabend ihr zuliebe fast alles tragen würden.
Jetzt wirbelte Berret durch die Gegend. Christiane sollte ihre Lederhose anziehen, Tina stieg gerade in einen knallroten Minirock. Dann wühlte sich Berret durch einen mittelgroßen Klamottenberg und zog ein Top für Christiane heraus. Sie hatte es gerade erst genäht, erklärte sie. Wobei, manchmal klebte Berret ihre Kreationen eher. Obi verdiente gut an ihr.
Kritisch beäugte Christiane das Teil, das Berret in die Höhe hielt. Im Grunde waren es nur zwei Tücher, die von feinen Silberketten über der Schulter und an den Seiten zusammengehalten wurden.
"Ist das nicht der Wahnsinn? Das ist reine Seide, fühl mal! Und dieses Bordeaux wird hammermäßig an dir aussehen. Dazu noch dunklen Lippenstift. Probier's mal an." Sie warf es ihr zu.
Tatsächlich, es war seidenweich. Aber doch sehr gewagt. Darauf nahm Berret normalerweise keine Rücksicht. Kunststück, sie trug ihre Kreationen ja auch nicht.
Christiane zog ihr altes Levis-Shirt über den Kopf und drapierte das bisschen Stoff vorsichtig über ihrem Körper, immer darauf bedacht, die feinen Ketten nicht zu zerstören.
"Hab' ich es doch gewusst: Es sieht fantastisch aus."
"Ich weiß nicht. Das zeigt schon ein bisschen viel. Und wenn beim Tanzen was reißt?"
Berret wischte ihren Einwand einfach weg. "Dann stehst du in deiner vollen Pracht da! Du brauchst doch nichts zu verstecken. Was gäbe ich für deinen Körper. Ich kann nicht mal Spagettiträger tragen. Ohne diesen Panzer-BH geht gar nichts. Ich hab' gar keine Lust, was für mich zu entwerfen. Da ist man so eingeschränkt in seiner künstlerischen Freiheit."
Christiane sah stirnrunzelnd in den großen Spiegel, den sie vor Wochen aus dem Schlafzimmer herüber getragen hatten und der inzwischen hier einen Stammplatz gefunden hatte. Das Zimmer hatte ihn praktisch assimiliert.
Berret hatte recht: Das Teil brachte ihre fragile Figur zur Geltung. Doch nach Jahrzehnten, in denen sich Christiane eine Oberweite gewünscht hatte, wie Berret sie besaß, klangen solche Worte immer noch seltsam in ihren Ohren. Und ihre eigene Meinung war durchaus gespalten: Einerseits sah es toll aus, sie konnte es wirklich tragen. Andererseits erkannte man auch deutlich, dass sie kaum Busen besaß und deswegen keinen BH darunter trug.
Sie drehte sich zu Susan um, die gerade das Zimmer betrat, beladen mit zwei Flaschen Prosecco. "Hi! Kann ich so gehen?"
Susan musterte sie vom Kopf bis zu den Zehen. "Unten herum ist es ein bisschen langweilig. Aber das Top ist super!"
Christiane seufzte lautlos. Also würde sie wohl heute viel Einblick bieten. Der geballten Mädelsmeinung hatte sie wenig entgegenzusetzen und sie war sich ja noch nicht mal sicher, wie sie dazu stand. Falls sich das Top als Männermagnet erwies - sie waren schließlich zu fünft. Ihre Freundinnen würden sie schon gegen unerwünschte Anmache abschirmen. Das war der Vorteil einer großen Gruppe: Keine von ihnen wurde abgeschleppt, sie suchten selbst aus.
"Susan, zieh dich aus! Ich habe was, das müsste dir stehen", rief Berret.
Susan stand noch immer in der Mitte des Raums, den Trenchcoat bis oben hin geschlossen. Sie wartete, bis alle Augen auf sie gerichtet waren.
Dann proklamierte sie mit dramatischer Stimme: "Ich bin schon fertig. Und ich trage etwas, das mir vor über fünf Jahren das letzte Mal gepasst hat." Wie eine Diva öffnete sie den Gürtel und die Knöpfe und ließ den Mantel von ihren Schultern zu Boden gleiten. "Mein Standesamtkleid!"
Christiane blickte sie mit offenem Mund an. Tatsächlich, dieses saphirblaue Etuikleid hatte Susan mit einem silbergrauen Blazer bei ihrer Hochzeit angehabt. Seitdem war sie zweimal schwanger gewesen. Aber davon war nichts mehr zu ahnen. Das Kleid schmiegte sich an ihre perfekten Kurven wie eine zweite Haut.
"Susan, du siehst fantastisch aus. Gratuliere." Christianes Freude war echt.
"Danke! Ich hab' hart dafür gearbeitet. Dank euch Mädels hatte ich die Motivation, mir die letzten Pfunde auch noch runter zu hungern. Wegen einer Schlabberhose für den Spielplatz hätte ich auf keinen einzigen Eisbecher verzichtet."
Susan strahlte über das ganze Gesicht. Diesen Moment hatte sie bestimmt lange geplant, so war sie schon immer gewesen. Und nun kostete sie das Gefühl bis zum letzten Tropfen aus.
Auch Berret gönnte ihr den Triumph. "Das hätte ich nicht besser hingekriegt. Du siehst aus wie eine Lady! Wie eine ziemlich verführerische Lady!"
Marja kam schnaufend in die Wohnung. Der vierte Stock war ihr definitiv zu hoch. "Sorry, dass ich so spät komme. Ich hab' keinen Parkplatz gefunden."
Tina runzelte die Stirn. "Also, ich steh' ganz in der Nähe."
"Ich weiß!" Marja nickte. "Ich hab' dein Auto gesehen."
"Komm, nimm einen Schluck Prosecco", schlug Susan vor. Wahrscheinlich wollte sie die bevorstehende Diskussion schon im Ansatz unterbinden.
Marja nahm das angebotene Glas dankbar an und ließ sich auf den Dreisitzer fallen.
"Setz dich gar nicht erst hin, du musst was anprobieren", fuhr Berret eilig dazwischen. Sie warf ihr ein puderfarbenes Jerseyteil zu.
Marja fischte es vom Boden und betrachtete es. Dann stellte sie ihr Glas auf einen freien Fleck auf dem Tisch, zog entschlossen ihre Bluse über den Kopf und schlüpfte in Berrets Oberteil.
Es hatte einen weiten Ausschnitt, der sich schmeichelnd über Marjas Schultern legte. Christiane konnte über Berrets Geschick mal wieder nur staunen. Marja war nicht dick, aber sie war unsportlich und saß den ganzen Tag am Schreibtisch. Alles an ihr war weich und rundlich. Und dieses Oberteil betonte das auf vorteilhafte Weise. Der Stoff sah richtig kuschelig aus und Marjas faltenfreies Dekolleté mit der zarten Haut kam richtig zur Geltung.
"Ich steck' dir dazu die Haare hoch, dann kriegst du noch lange Ohrringe", meinte Berret zufrieden.
Für sich hatte sie eine bunte Tunika mit Glitzerbesatz am Ausschnitt ausgesucht. Irgendwie fehlte ihr in Bezug auf ihre eigenen Outfits der Abstand. Sie selbst lief oft in Modefallen, auch dieses Teil war irgendwie zu laut. Doch niemand wies sie darauf hin.
Tina hatte sich inzwischen in ein hautenges, schwarzes Ledertop gezwängt. Anscheinend wollte sie es heute Nacht mal wieder wissen.
Sie schminkten sich gegenseitig. Nicht jeder Lidstrich saß perfekt, aber im schummrigen Diskolicht fiel das nie auf. Außerdem waren sie alle begeisterte Tänzerinnen, da floss schon mal Wimperntusche davon.
Es war zehn, als sie aufgekratzt und aufgetakelt die Treppe hinunterliefen, alle in hohen Schuhen. Christiane sogar in ihren Glitzersandaletten, um der Langweile da unten zu begegnen. Sie zwängten sich in Tinas Auto - manchmal war es wirklich angenehm, dass sie direkt vorm Haus parkte. Ihr Ziel war heute die Innenstadt.
Nach einigen Jahren auf der Piste kannten sie die meisten Barkeeper und Türsteher. In den besten Clubs waren sie gern gesehene Gäste, etwas, das Christiane angesichts ihres doch schon fortgeschrittenen Alters immer wieder erstaunte. Ihr gemeinsamer Auftritt schien so sehr ›Sex‹ zu rufen, dass ihnen gewöhnlich auch junge Männeraugen hungrig folgten.
Berret war selig, ihre Beute war tatsächlich da. Und diesmal würde sie ihn nicht entwischen lassen. Auch Tina unterhielt sich angeregt mit zwei dunklen Typen in Geschäftsanzügen. Einer davon würde heute ihr Bett teilen. Marja saß mit einem Cocktail auf einem Barhocker und beobachtete die tanzende Menge. Sie war nicht so auf Männerfang aus wie Berret und Tina. Dann und wann erregte jemand ihre Aufmerksamkeit, meist wurde sogar etwas mehr daraus. Doch für eine richtige, feste Beziehung hatte es bisher nie gereicht.
Christiane dagegen hatte es sich zur Regel gemacht, nie mit einem der Typen zu frühstücken. Ein paar schöne Stunden, mehr nicht. Doch heute konnte sie sich für den Gedanken an einen Mann nicht erwärmen. Die Tanzfläche zog sie mehr an. Mit geschlossenen Augen gab sie sich dem Takt der Musik hin. Susan ihr gegenüber wirkte völlig abgehoben. Als ob es kein Morgen gäbe, schüttelte sie ihren Körper. Als ob sie irgendetwas abschütteln müsste.
Kurz vor zwei verabschiedete sich Susan wie jedes Mal. Sie war durchgeschwitzt und ihr Gesicht glühte. Am liebsten wäre sie länger geblieben, doch sie bestellte sich immer für dieselbe Uhrzeit das Taxi. Länger, und sie würde es am nächsten Morgen bereuen, wie sie bedauernd sagte.
Als Susan gegangen war, war auch bei Christiane die Luft raus. Auf der Tanzfläche hatte ein schmieriger Typ versucht, bei ihr zu landen. Also gab sie auf und setzte sich neben Marja.
"Heute nicht?", fragte Marja mitfühlend.
"Nee, heut' nicht!", antwortete Christiane.
"Ach, übrigens: Frau Winter liegt mit Grippe im Bett."
Wer war noch mal Frau Winter? Ach ja, die neue Chefin. "Das hatte ich schon verdrängt. Ich glaub', das packe ich nicht."
"Warum? Hol dir dein altes Leben zurück!"
"Bis jetzt hat sie nicht mal angerufen. Bestimmt hat sie mich schon wieder vergessen. Ist wahrscheinlich auch besser so."
"Wir werden sehen", antwortete Marja und widmete sich der Ananas, die dekorativ an ihrem Glas hing.
Christiane hasste Drinks mit Spielzeug. Keine Schirmchen, auch keine Fruchtspieße. Sie bestellte eine Whisky-Cola.
"Ich schätze, wir zwei müssen heute sehen, wie wir heimkommen", meinte sie mit einem düsteren Blick auf Tina, die sich schier ausschüttete vor Lachen und sich dann kichernd an einen der Anzugtypen lehnte.
"Tina fährt uns sicher heim", sagte Marja mit leisem Tadel in der Stimme. "Erst ihre Freundinnen, dann die Männer. Aber sie trifft sich bestimmt danach mit dem Größeren. Wettest du dagegen?"
Christiane warf einen weiteren Blick auf ihre flirtende Freundin. Marja hatte in allen Punkten recht. "Keine Chance, ich hab' kein Geld zu verschenken."
"Und Berrets Fang fährt sicher auch mit! Siehst du sie da hinten? Sie wirkt völlig aufgekratzt. Dabei ist der bestimmt zehn Jahre jünger als sie."
"Sie will ja keinen Bausparvertrag mit ihm zusammen abschließen. Sie sind beide erwachsen", erwiderte Christiane, der der leichte Vorwurf darin nicht gefiel.
"War nicht bös' gemeint. Ich frag' mich nur, wann wir zu alt dafür werden. Ich habe manchmal so ein blödes Gefühl."
"Das kenn' ich. Vielleicht brauchen wir mal ein neues Jagdgebiet."
"Oder doch mal was Festes! Du vor allem!"
"Erst wenn du heiratest!" Das war ein Tiefschlag, das wusste Christiane. Aber damit war Marja, die seit Jahren unsterblich in einen verheirateten Mann verliebt war, der nur mit ihr spielte, verstummt.
Tina kämpfte sich durch die Menschenmasse. "Da seid ihr ja. Können wir? Ich treff' mich in einer halben Stunde mit dem Schnauzer, ich würd' gerne los."
"Wegen uns jederzeit. Kannst du Berret loseisen? Die steht da hinten."
"Ich hol' sie! Wir treffen uns gleich am Ausgang." Schon war sie wieder zwischen den zuckenden Lichtern und Menschenleibern verschwunden.
Christiane und Marja kippten ihre Cocktails hinunter. Tina und Berret duldeten keinen Aufschub. Auch wegen eines Mannes ließ man keine Freundin warten. Wer noch keine Telefonnummern ausgetauscht hatte, der hatte eben Pech gehabt.
Geschmeidig drückte sich Christiane an den Leuten vorbei in Richtung Ausgang. Marja war dicht hinter ihr, sie bekam leicht Panik, wenn es sehr eng wurde. Ja, sie passten aufeinander auf.
Fünf Minuten später saßen sie in Tinas Kleinwagen, den diese zügig durch die leere Stadt lenkte. Hinten saß neben Berret ein zierlicher Blonder mit Surfermähne. Christoph hieß er, er hatte sich wohlerzogen vorgestellt.
Tina hatte es wirklich eilig, sie setzte alle vor Berrets Haustür ab, ohne den Motor auszustellen. Alle wünschten ihr noch viel Spaß. Die Adresse des Typen hatte sie Christiane schon gegeben. Wenn sie bis morgen Mittag keine Entwarnungs-SMS schickte, würden die Freundinnen bei der Polizei Alarm schlagen.
Christiane und Marja holten ihre Taschen aus Berrets Wohnung, dann machten sie sich auf die Suche nach Marjas Auto. Das war wirklich fast in einem anderen Stadtteil geparkt. Marja brachte Christiane nach Hause und fuhr dann weiter.
Christiane stieg leise die knarzende Treppe hinauf in den zweiten Stock und ließ sich angezogen ins Bett fallen. Irgendwie fühlte sie sich leer und unbefriedigt. Doch ein Mann hätte diese Stimmung allenfalls kurzfristig vertreiben können.